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Neues Fernsehprogramm “Das Vierte” mit flashiger Website

Heute um 20.15 Uhr startet in Deutschland das neue Fernsehprogramm “Das Vierte”. Guter Name, finde ich, mit einem frechen impliziten Anspruch “auf der Fernbedienung auf die 4″, der natürlich dramatisch scheitern wird, aber man kann es ja mal versuchen.

(Pro Sieben ist jetzt 17 Jahre alt und sicher noch lange nicht bei allen auf der “7″ (kenne keine empirischen Daten), trotz diverser Kampagnen, die explizit “Pro Sieben auf die Sieben!” forderten (habe das gerade mal gegoogelt — und in einer von diesem “Warmduscher”-Listen, die vor Jahren mal modern waren, steht als Warmduscher-Synonym “Pro-Sieben-auf-die-Sieben-Einsteller” :-). Wer auf der “4″ heute RTL oder Sat.1 hat, wie vermutlich die meisten Deutschen, und das natürlich nicht nur auf dem Fernseher, sondern auch auf Videorecorder, Satellitenreceiver, PVR, Zweitfernseher oder wo auch immer, der wird wohl den Teufel tun, es umzulegen, erstens für so einen Kanal, und zweitens weil die Usability von Sender umlegen bei den meisten der genannten Geräte noch eher zweifelhaft ist.)

Jedenfalls, “Das Vierte”. Sie haben einen Spiegel-Artikel “Basis für mehr”, in der der Sender als “Abspielstation für Konservenware” von NBC Universal bezeichnet wird (lustig die Bemerkung, dass die in New York natürlich den Namen nicht kapiert haben; noch lustiger finde ich auf der zweiten Seite die IMH-HSG-Werbung mit Prof. Christian Belz, Tippfehler “Durcbruch” im Quote geht noch, aber ganz, ganz schlimm ist “St. Gallener Vertriebs-Know-how” – o Gott. Das war immer das allerpeinlichste, wenn wir von der Studentenschaft aus Recruiting-Veranstaltung machten, und dann kamen diese Münchner und Hamburger und sagten: “Ich freue mich, hier an der St. Gallener Hochschule zu sein.” Schon verloren!), sie machen diese nervige Werbeform “Wallpaper” bei Spiegel Online, über die auch noch mal etwas zu sagen sein wird, sie machen schon den ganzen Tag Radio- und vermutlich gleich auch Fernsehspots, muss mal reinschauen, und sie haben natürlich eine Website unter http://www.das-vierte.de/. Diese Website ist mal wieder das pixelgewordene Argument für fast alles, was schlecht ist an Flash.

Ist auch von Jung von Matt/next konzipiert, die Werber lernen es einfach nie, dass es im Web nicht nur CD-konform aussehen muss.

Ich sag nur ein Argument, den Rest seht Ihr dann selbst. Man kann doch nicht “<>” und “<>” mit diesen schlimmen Bedienelementen und dann noch gleich oben nebeneinander bauen. Nur weil beides was mit Zeit zu tun hat, was für ein akademischer Ansatz! (Sonst brauchte man übrigens noch “Monat wechseln” und “Jahr wechseln”.)

Aufeinander folgende Fernsehsendungen desselben Programms stehen nun mal, seit es Fernsehzeitungen gibt, also vermutlich seit etwa 50 Jahren, untereinander! Das ist online nicht anders. Das Scrollen nach unten, und zwar am besten mit dem Mausrad, an das sich die User wunderbar gewähnt haben, ist die natürlichste Art, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen. Machen auch die meisten Sender so, z.B. SF1, ARD, ZDF, Sat.1. (Pluspunkt für SF DRS, endlich mal einer, dass die Seite zur aktuellen Zeit springt!) Wer alle vier Sites anklickt, sieht in der Gegenüberstellung ganz gut, dass die eine Hälfte der Aufbereitung standardisiert ist, nämlich dass die Sendungen wie gesagt nach Zeit untereinander stehen, aber das andere Navigieren, nämlich den Tag zu wechseln, keinesfalls. Da gibt es Buttons, Kalender, Links etc. Hier ist die ARD sogar ziemlich nah am “Vierten” dran, nämlich auch mit “Zurück”- und “Weiter”-Buttons (die ich nicht optimal finde, aber für die subtilen Unterschiede müsste man testen).

Also nach diesem Vergleich jetzt nochmal, bei der Uhrzeit geht das eben nicht, dass die Dimension “Zeit wechseln” auch in der Horizontalen abgebildet wird. Ich würde ziemlich viel wetten, wenn man den Blickverlauf anschaut, während die User das Tagesprogramm überfliegen wollen, dass jeder sofort nach einer senkrechte Scrollbar sucht. Schlimm genug, dass die in Flash oft ganz anders funktionieren als in Windows — hier hat man sie gleich ganz weggelassen. (Übrigens, wenn man “Wochenprogramm” klickt, kommt eine einigermassen erträgliche html-Seite, aber nein, die Homepage, die ist ja soo wichtig, die musste man also extra teuer machen, haben die von der Agentur gesagt, und jetzt ist sie unbrauchbar.)

Also, liebe Deutsche (wir haben es natürlich nicht im Kabel, ich werd’s verkraften, obwohl ich Scent of a Woman mochte, damals vor 13 Jahren im Kino), in einer halben Stunde geht’s los, viel Spass beim Glotzen, vielleicht schafft “Das Vierte” ja das avisierte Prozent Marktanteil, aber dann sicher nicht wegen, sondern trotz der Website. Weil man ja auch ganz gut glotzen kann, ohne die Website zu nutzen.


DRS1 Trend: “Der Kampf um das Wohnzimmer” am Samstag um 8.30

Von: peter.hogenkamp@gmail.com

An: peter.hogenkamp@gmail.com

Datum: 28.09.2005 11:17

Betreff: Trend

Guten Tag. Usability Weblog,

diese Nachricht von www.drs.ch erhalten Sie im Auftrag von Peter.

Die Nachricht des Absenders:

Nachdem es nicht im DRS1-”Tagesgespräch” kam, war dann jemand von DRS1 an der Konferenz, und jetzt kommt der “Kampf ums Wohnzimmer” als Bericht am Samstag um 8.30 Uhr (Stöhn!) in “Trend – Das Wirtschaftsmagazin”. Das hören 450’000 Leute.

Wow.

Verlinken kann man natürlich nicht mit der tollen DRS-Website, aber “Weitersagen”.

Trend

Der Kampf um das Wohnzimmer

Wie sieht die Stereoanlage der Zukunft aus? Wie und wo schauen wir Filme? Die neuen, digitalen Medien prägen die Unterhaltungsbranche, verändern das Verhalten der Konsumenten und versprechen Unternehmen dynamisches Wachstum.

Trend,Samstag, 01. Oktober, 08:30 – 08:45, DRS1

http://www.drs.ch/drsonline/index.cfm?gbAction=r04Fulldisplay1&ObjectID=D2BFFF3A-10E8-401F-BE85577F93335836&prg=NEWS

(27.09.2005)=======================================================================© Schweizer Radio DRS. Alle Rechte vorbehalten.

(Was für eine grauenhaft lieblos aufbereite Tell-a-Friend-Message. Leerzeichen, Umbrüche und Absätze scheinen weitestgehend von einem Zufallsgenerator eingebaut.)


Digitale Medien – blickt der Konsument überhaupt noch durch?

Hier mein PowerPoint von heute in zwei Versionen:

Euroforum_DigitalEntertainment_v1-02_2005-09-27.pps

(wie .ppt, das man aber nur durchklicken kann — Achtung, 20 MB!)

Euroforum_DigitalEntertainment_v1-02_2005-09-27.pdf (1.6 MB)


“Live”blogging von “Digital Entertainment”

Bin heute bei der Euroforum Fachkonferenz “Digital Entertainment”, Untertitel: “Der Kampf ums Wohnzimmer: Wie Hersteller, Händler und Netzbetreiber die Chancen des Umbruchs nutzen”. Referenten. Programm.

Ich mach mal nicht so einen amerikanischen Live-Blog wie die Blogger bei Microsofts Developer Conference neulich mit einem Posting alle zehn Minuten mit einem halben neuen Gedanken, sondern eher eine Gesamtschau mit den interessantesten Fakten.

Die Einführung von MP3-Legende Karlheinz Brandenburg habe ich leider halb verpasst. War aber auch mehr so integral. Ich musste in der Zeit erstmal 29.- bei Monzoon für Internet-Zugang ausgeben. Der dann bei meinem Referat gerade irgendwie einen Timeout hatte, obwohl ich mich direkt vorher noch mal eingeloggt habe. I’m lovin’ it! Immerhin kriege ich bei Brandenburg noch eine Buzzphrase mit: Wo ich immer sage: “alles jederzeit auf jedem Gerät” heisst es bei ihm: “Time Shifting, Space Shifting, Device Shifting”. Sagt dasselbe, aber viel cooler, weil der Zuhörer auch etwas länger überlegen muss, was gemeint ist…

Klaus Goldhammer von Goldmedia hat eine McKinsey-würdige Präsentation: bis zu fünf Grafiken auf einer Folie. (Sollte der Logik seiner Website folgelnd wohl irgendwann unter Vorträge & Präsentationen auftauchen. Sheesh, die Website hat Frames. Jetzt sind es bald zehn Jahre, seit man als einen der wichtigsten Nachteile kennt: “Seiten schlecht verlinkbar”. Immer noch nervig.)

Danach Fakten, Fakten, Fakten. Viele interessante, von denen ich bisher nur grob wusste. Zum Beispiel in dem Abschnitt, dass es ja interaktives TV längst gibt unter dem Stichwort “Call Media”, wo der deutsche Sender 9Live im Jahr 250 Millionen Anrufe macht. Zur Motivation der Deppen hat er auch eine Folie: Grund Nr. 1 ist “Ich kann etwas gewinnen.” Ist mir zwar ein Rätsel, wie man das denken kann bei diesen “Leute-jetzt-ruft-aber-an-Shows”. Anderes Fakt: Dass bei der deutschen Vorentscheidung zum Eurovision Song Content 2.4 Millionen Leute angerufen oder gesmst haben. Wow.

Nächstes Kapitel: PVR (digitaler Videorecorder, in der Schweiz z.B. Bluewin TV 300) ändert die Fernsehgewohnheiten dreifach: 1. TV-Konsum steigt. 2. Werberezeption sinkt (durch Überspringen der Werbung, “Ad Skipping”). 3. Mehr Sender werden genutzt. Das heisst in einer Beispielrechnung, wenn man von 25% der Haushalte ausgeht, die es haben, von denen es 75% nutzen (vielfach schaltet man einfach ganz normal ein; kenne ich auch schon mir), von denen wiederum 75% Ad Skipping machen, dann gehen die Werbeimpressions nur um rund 14% zurück. (Habe erst neulich eine weitere Studie dazu gelesen, dazu ein andermal mehr.)

Gerd Leonhard, eigene Jobbezeichnung “Music Futurologist”, hat diverse Blogs, zum Beispiel einen, den er “Music like water” nennt, was aber auf einen namens The Future of Music, Media & Entertainment forwarded. Brandingmässig nicht gerade Futurology. Via Blog kann man auch seine Präsentation runterladen, allerdings nur gegen Registration für seinen Newsletter, insgesamt ist der Download damit ein etwa fünfzehnstufiger Prozess. Auch nicht so richtig medienkonform. Er zitiert in seinem Beitrag einmal mehr den Long-Tail-Artikel von Wired — allerdings die alte, inzwischen erwiesenermassen falsche Zahl von 57%.

Und dann bringt er noch als Buzzphrase: “Content is King, Customer is King-Kong, and Service is Godzilla.” Puhh.

Sharad Gandhi von Intel hat auch eine sehr bunte Präsentation, jede Folie vom internen Folienaufhübschdepartment gemuckelt. Intels Vision des Wohnzimmers, nicht ganz überraschend, ist es, dass im Wohnzimmer ein PC seinen Dienst verrichtet — der muss aber bitte unbedingt genug Rechenleistung haben, damit ihn mehrere Leute gleichzeitig nutzen können. Gandhi teil das “Digital Home” in die Bereiche Digital Entertainment, Health Care, Security und Education ein — und das Entertainment dann wieder “in the Home” und “On the Go”. Moment. “On the Go” als Unterabteilung von “Digital Home”? Na ja. Unter dem Stichwort “Simplify->Less does more” ersetzt er in einer Folie ein schreckliches Gewirr von Geräten und Kabeln, die Rückseite einer typischen Steroanlage, durch einen cleanen “Entertainment PC”. Ja, und der hat dann keine Lautsprecher, braucht keinen Strom und ist sein eigener Verstärker? Eben.

Mittagessen ist im 31. Stock. Ein atemberaubender Blick auf das phänomenale Panorama von Zürich-Oerlikon. MP3-Brandenburg wirft im Sekundentakt irgendwelche Abkürzungen von Kompressions- und anderen Standards über den Tisch. Ich kenne nur die Hälfte, vor allem von denen vor 1990, und bin mit meinem User-zentrierten Ansatz sowieso ziemlich abgehängt.

Was am Morgen auffiel: Alle Referenten eine Usability-Folie oder wenigstens ein Usability-Bullet in ihren Präsentationen haben. Kommt mir trotzdem ein bisschen vor wie: “Ach ja, und es ist übrigens auch wichtig, dass es einfach ist.” Was dabei eben nicht durchkommt, ist, dass die Usability nicht ein netter Begleitfaktor ist, sondern Conditio sine qua non, und zwar in mehreren Stufen. Wer es nicht anschliessen kann, nutzt es nicht. Wer nicht kapiert, was es ist, kauft es erst gar nicht.

Dann kam ich und hätte diesen Punkt also geraderücken können. Mein Thema “Digitale Medien – blickt der Konsument überhaupt noch durch?” Ich war nicht soo schlecht, aber ich war auch schon mal besser. Wollte wohl mal wieder etwas zuviel unterbringen.

(Ich poste mein PowerPoint gleich separat als .pps.)

Im ersten Abschnitt hab ich anhand des Wired-Artikels TV 2.0 gezeigt, dass das mit den ganzen Abkürzungen im Moment noch saukompliziert ist. Wie soll das ein User durchschauen? Kam durch, denke ich, aber die meisten Abkürzungen kamen natürlich schon im Laufe des Tages vor, also hatten die Zuhörer einen Vorsprung.

Zweitens wollte ich sagen, dass die Konsumentinnen und Konsumenten heute keine Ahnung haben, was es überhaupt Neues gibt. Wenn man sie fragt, was sie in nächster Zeit kaufen wollen, sagen sie: neuen PC, neues Handy, MP3-Player, Tomtom-Navi fürs Auto. Nur 3 von 40 wollen demnächst was aus dem Bereich “neues Digital Entertainment” (MP3 finde ich nicht mehr leading edge) kaufen. Für die seriöse Untermauerung hatte ich sogar eine kleine Umfrage organisiert, die tolle Ergebnisse zum Unwissen der User lieferte. Aber mir fehlte das DAU-Video, das sonst immer der Wow-Effekt ist. Hätte lieber einen filmen sollen statt 40 befragen. Note to self: Keine Umfrage mehr ohne Videokamera.

Im dritten Abschnitt habe ich mal gezeigt, wie das Home Theater bei uns zu Hause aussieht, und vor allem, wie kompliziert es ist, es zu nutzen. Mit dem “Woman Acceptance Factor” konnte ich dabei immerhin eine Buzzphrase platzieren, das den Rest des Tages vorhielt. :-)

Nicht mehr viel Zeit hatte ich, Andreas Göldis Blogeintrag Media-Center für Masochisten: Ein Selbstversuch vorzustellen. Interessanterweise schlug es trotzdem voll durch und wurde danach noch mehrfach zitiert. “Ganze Ostern verbracht” bleibt den Leuten offenbar.

Marcel Meier, zuständig für Windows bei Microsoft Schweiz, mag seinen Tablet-PC sehr; er malt auf jeder Folie herum, bis man nichts mehr erkennen kann. :-) Seine These übrigens, warum Tablet-PCs nicht mehr verbreitet sind, ist, dass sie für den Handel zu kompliziert zu erklären sind — wer dagegen einen mit einem sieht, weiss, dass er einen will. Ich weiss nicht. Ich hatte einen SiemensFujitsu, habe aber nie richtig angefangen, den Tablet-Teil zu nutzen. Muss ich vielleicht doch noch mal machen.

In der Mitte wechselt er vom Präsentations-Laptop auf das Media-Center. An der Stelle kommt auch gleich seine Antwort auf Andreas. “Das kommt davon, wenn man nicht auf die Empfehlung des Herstellers hört, der sagt: Kauft das Teil nicht ohne Hardware. Man macht sich das Leben viel einfacher. Typisch Freaks!” Tja, da siehst Du’s.

Als Beispiele für interaktives TV zeigt er die Enhanced TV Version von abc celebrity mole. Man sieht ein Live-TV-Bild kombiniert mit Interaktionsmöglichkeiten ringsherum. Ist leider nicht so mein Thema. Von Sunday Night Football erzählt er nur. Dort hat man das Livebild vom Football-Spiel rechts oben und kann unten wetten, wohin der nächste Spielzug klingt; wird in den USA angeblich “wie verrückt” genutzt. Klingt lustig, würde ich gern mal sehen, finde aber keinen Screenshot.

Silvio Mariani, bei Swisscom Fixnet zuständig für Bluewin TV, dunkelt erstmal den Raum ab und zeigt einen generischen Spot im MTV-Stil, der zeigt, dass Fernsehen eine coole Sache ist. “Sie werden Swisscom in fünf Jahren nicht wiedererkennen”, ist danach das erste Statement. Das hört man gern. Das zweite: “Wir haben die Schwierigkeiten von IPTV nicht unterschätzt, aber wir haben es unterschätzt, wie es ist, mit vielen Suppliern zusammen zu arbeiten.” Klar. Die Software sagt, die Hardware ist schuld, und umgekehrt; und der Carrier sagt, die sind beide doof. :-)

Danach erzählt er viel von Bluewin TV: Es soll eine Festplatte mit zwischen 160 und 400 Gigabyte haben (Donnerwetter, allerdings ist die Spanne noch recht gross) und “100+” TV-Kanäle. Der EPG geht vier Wochen im voraus statt zwei Wochen wie die meisten anderen. und so weiter; Swisscoms Position sei hier, dass man halt ein “Follower” ist, und als solcher muss man halt besser sein als der erste. Das stimmt wohl.

Sie machen einen Softlaunch noch vor Ende 2005, aber nur für Swisscom- und Microsoft-Mitarbeiter. Zum kommerziellen Launch sagt er nichts weiter als den offiziellen Termin “2006″ — “sonst suche ich mir einen neuen Job”.

Anschliessend zeigt er — durchaus offen — Ergebnisse des Trials im letzten Jahr, der ja bekanntlich zur Verschiebung geführt hat. Lustiges Bullet auf einer Folie: “Gute Verfügbarkeit (> 97%)”. Tja, die vom Kunden erwartete Verfügbarkeit bei TV ist aber wohl eher 99.99%.

Das “dicke” Cablecom-Kabel, wenn man es auf IP-Bandbreite umrechnet, hat eine Kapazität von 3 bis 5 Gigabit/s. Wow. Da muss Swisscom sich ganz schön nach der Decke strecken. Sie launchen Bluewin TV erst, wenn VDSL verfügbar ist, damit sie auch HDTV darüber laufen lassen könnten, auch wenn das wohl nicht gleich alle wollen. Aber sie wollen beim Wettrennen mit Cablecom nicht gleich wieder zweiter sein.

Bluewin TV hat wegen Buffering und Rechnen im Moment eine Verzögerung von 6 bis 8 Sekunden — man arbeitet noch daran, das bis zum Launch möglichst auf Null zu bringen. Verstehe ich. Keiner will, dass der Nachbar mit Cablecom eher weiss, wann ein Tor fällt.

Jetzt kommt die Live-Demo. Es ist nicht ganz live, sondern sie streamen vom einen PC zum anderen, den Live-Zustand vom 22. Juni. Na ja. Ich verstehe allerdings, dass man nicht für jede Präsi, die er hält, gleich in der halben Schweiz Alarmzustand machen will, denn die Architektur sieht ziemlich kompliziert aus.

Am Ende ist Podiumsdiskussion. Die wenigsten bringen noch mal einen neuen Gedanken ein. Ausnahme Goldhammer, der unter dem Stichwort “Divergenz” findet, dass die ganze Konvergenz der Geräte Blödsinn ist. “In Zukunft werden wir ein Device für jeden Zweck haben, wie eben den iPod, der nur Musik spielen kann — und ein bisschen Fotos anzeigen”. (Und demnächst telefonieren. :-) Trotzdem ein interessanter Gedanke, auch wenn ich es nicht glaube. Ich werfe in den Raum, vielleicht könnten sich beide Trends überlagern: Man hat Geräte, die auf eine Sache optimiert sind, aber doch mehr können: Beispiel Fernsehen, mit dem man eben doch auch mal schnell seine Mails anschauen kann, auch wenn Internet auf dem Fernseher schon fünfmal gescheitert ist.

Was weiss ich. Am Ende zwingt uns Brandenburg zu einem Fazit in einem Satz, was die Killer-Applikation von Digital Entertainment sein wird. Goldhammer bringt seine Divergenz. Microsoft-Meier ein englisches Wortungetüm namens Personal Media Management Application oder so, für, mal wieder, alles jederzeit auf jedem Device. Ich sage, der Killer wird es, wenn sich ein System als “Hub” durchsetzt, das den Standard so definiert, das alle anderen folgen wollen; das kann Microsoft sein, aber es steht noch in den Sternen. Mariani sagt irgendwas, das er fest an Bluewin TV glaubt oder so, hab ich mir nicht genau gemerkt, sorry.

(Disclaimer: Swisscom Fixnet ist Zeix-Kundin, wir haben den Quick Start Guide für Bluewin TV 300 gemacht. Dabei aber nichts Geheimes erfahren. Alles, was ich hier zitiert habe, stammt aus der öffentlichen Konferenz.)


“Tagesgespräch” bei DRS1 verschoben

Morgen werden die Krankenkassenprämien für 2006 bekannt gegeben. Das ist für DRS1 ein wichtigeres Tagesthema als wie Herr und Frau Schweizer in Zukunft ihren Videorecorder einstöpseln. Finde ich durchaus auch, zumindest betrifft es im Moment noch viel mehr Leute, und das direkt im Portemonnaie. Gespräch ist aufgeschoben auf “in ein paar Wochen”, aber nicht aufgehoben.

Schade, heute war Micheline Calmy-Rey zu Gast in der Sendung, das wäre wenigstens mal ein gutes Umfeld gewesen. :-)


Tagesgespräch am Dienstag um 13 Uhr bei DRS1

Ich habe eine Einladung zum “Tagesgespräch” auf DRS1 bekommen, am nächsten Dienstag von 13.00 bis 13.30 Uhr. Thema ist “Digital Entertainment” oder so, analog zur gleichnamigen Fachtagung am selben Tag.

Es gibt eine Webseite der Sendung Tagesgespräch, aber auf der steht für nächste Woche noch nichts. Vermutlich kommt am Montagmorgen der Webmaster und füllt den Inhalt für die ganze Woche ab. Gut, für Montag hat man dann halt als Hörer/Surfer nicht sehr viel Vorlauf — aber für Freitag dafür vier Tage!

Noch was Schönes von der Website. Wollte mal schauen, wie weit das Studio von dem Tagungshotel weg ist. Nach längerem Suchen hab ich in der Sitemap (die “A-Z” heisst) unter “Adressen” eine Seite mit den Adressen aller Studios gefunden (URL hat 192 Zeichen, nebenbei). Auf der gibt es auch eine “Anfahrts-Skizze” als PDF, mit der Fusszeile: “Detailplan auf der nächsten Seite (mit Bewilligung der Eidg. Vermessungsdirektion vom 12.5.1998)”. Da merkt man die öffentliche Anstalt, die ist wenigstens rechtlich immer korrekt. Andererseits hat allerdings das PDF nur eine Seite.


Special interest vs. more special interest: Gratisconsulting für “Wir Eltern”

Vorgeschichte:
1. Ich bin im April Vater geworden, mein Sohn ist also jetzt fünf Monate alt.
2. Geburtsanzeigen werden anscheinend in einer Art Pflichteintrag irgendwo veröffentlicht (ich hab es nie gesehen), jedenfalls werden sie, ähnlich wie Handelsregistereinträge, offenbar von Adress-Brokern erfasst und gehandelt. Resultat für die Eltern: Ohne dass man sich irgendwo aktiv meldet, erreichen einen regelmässig diverse Mailings (Werbung und Produktmuster) und Anrufe mit Angeboten.

Vor ein paar Wochen rief ein freundliches Call Center im Auftrag der Monatszeitschrift “Wir Eltern” an (herausgegeben von Vogt-Schild/Habegger Medien, die machen auch die Mittelland-Zeitung oder so; kenne mich in der Gegend nicht so aus). Die Anruferin rechnete natürlich tagsüber mit der Mutter, kam aber darüber hinweg und bot mir ein Schnupperabo mit 3 Ausgaben für CHF 10.- an, ohne automatische Verlängerung — sie rufen dann noch mal an (!) und fragen, ob man fortsetzen will. Überraschend, fand ich. Vor allem, weil ich spontan dachte, dass mit diesem Prozess jeder neue Abonnent sicher über 100 Franken kostet. Wie lange muss man dann bleiben, damit sich das rechnet… Aber eine Alternative zu dieser aufwändigen Akquise hat der Verlag wohl auch nicht, denn Eltern abonnieren “Wir Eltern” natürlich weniger lange als Bastelfans das “Modellbau Magazin”. Natürliche Fluktuation. Ich erwartete zwar nicht viel vom Inhalt, aber ich wollte mal schauen, ob die vielleicht crossmedial mit www.wireltern.ch etwas Spannendes machen, die Website hatte ich schon mal angeschaut, also sagte ich zu.

Neulich kam dann das erste Heft. Die Themenabschnitte sind:

elternwerden (bis 1 Jahr): Alle Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Stillen

kleinkinder (1-5 Jahre): Die Entwicklung des Kindes, Erziehungsfragen, Gesundheitsthemen

schulzeit (6-10 Jahre): Zusammenleben mit Kindern, Spielgruppen, Kindergarten, die ersten Schuljahre

lebengeniessen: Freizeitaktivitäten für die ganze Familie, kreativ sein, Ernährungsfragen, Kochrezepte, Leser/-innenforum, Kontakte

Ähh… Und wo sind wir? Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett sind längst vorbei, Stillen fast. (Ich weiss, es gibt auch Familien mit mehreren Kindern. Davon sehen wir jetzt mal ab – der Support-Bedarf ist sicher beim ersten am grössten.) Meine These: Eltern eines Babys von x Monaten (mit x < 12) interessieren sich vor allem für zwei Aspekte:

Erstens für das, was vom Monat x bis etwa x+2 passieren wird. Eine Vorschau auf die neuen Features des Babys, sozusagen, zum Vorfreuen und vorbereitet sein. pro juventute macht das nicht schlecht mit den “Elternbriefen”, die man beim ersten Kind automatisch bekommt und die jeweils genau diese Vorschau liefern. Die kommen natürlich etwas schlicht daher, nicht eben hochglanzmässig und auch recht kurz. Aber wir haben bisher beide alle gelesen, und das muss eine Publikation erstmal schaffen.

Zweitens interessiert man sich für ganz konkrete Fragen. Ich will hier nicht ins Detail gehen, aber es hat immer etwas mit: “Mein Kind macht gerade dieses und jenes. Ist das normal, oder muss ich mir Sorgen machen?” zu tun. Für diesen Fall googelt man natürlich heutzutage. Zu jedem erdenklichen Stichwort findet man eine Unzahl von Treffern, die meisten aus irgendwelchen Foren, in denen sich sehr engagierte Eltern austauschen, die leider in der Regel nur Halbwissen beizutragen haben; wenn man Glück hat, stellt mal ein Arzt oder eine Ärztin die Sache richtig. Ferner gibt es Treffer von wissenschaftlichen Seiten, auf denen man kein Wort versteht; und schliesslich Promo-Seiten der Industrie. Will heissen: Man findet zwar schnell irgendwelche Aussagen, aber wem kann man trauen?

Zum Beispiel erfahrenen Journalisten eines spezialisierten Titels. Hier wäre die Lücke für “Wir Eltern”. Ich weiss nicht, wie lange es das Magazin schon gibt, steht nirgends; gehen wir mal von 20 Jahren aus. (Ältere Informationen würde man irgendwann nicht mehr so ernst nehmen.) Das macht immerhin 240 Hefte mit über wohl 2000 Artikeln. Ich nehme mal an, die Hälfte davon ist redundant. Bleiben 1000 relevante. Wenn die online verfügbar wären, mit einer guten Detailsuchmaske, in der man zuerst das Alter des Kindes angibt — wie einfach würde wireltern.ch mein Einstiegspunkt für meine Online-Recherchen. Paid Content? Kein Problem. Für eine klare, qualifizierte Antwort auf meine aktuelle Frage in Form eines Archiv-Artikels würde ich problemlos 5.- ausgeben. (Es ist ja für das Kind, da hat man sich schon dran gewöhnt, beim Geld alle Vernunft über Bord zu werfen.)

Und woher weiss ich als Vater/Mutter, dass es das Portal mit allen Fragen rund ums Baby gibt? Weil das Call Center, das sowieso anruft, mich in Zukunft zusätzlich nach meiner Mailadresse fragt. In der Schweiz sind 50% der Erwachsenen online, aber Eltern sind ja unter 45, also dürfte der Anteil noch etwas höher sein. Wenn man dann rechnet, dass es reicht, wenn einer der beiden Partner eine Mailadresse hat, sind es noch mehr. Vorschlag für den Text des Telefon-Skripts: “Darf ich fragen, ob Sie oder Ihr Mann eine E-Mail-Adresse haben?” [Bei Antwort "Ja"] “Wir verschicken nicht öfter als einmal im Monat gratis einen individuellen Newsletter, dessen Inhalt dem Alter Ihres Kindes angepasst ist. Sie können ihn jederzeit mit einer kurzen Nachricht abbestellen.” Wieso soll man da Nein sagen? Für den Verlag dauert der Anruf eine Minute länger und die Datenbank muss um ein Feld erweitert werden — und ich wette um ein Jahresabo, dass die Erfolgsquote für den Gratis-Newsletter dreimal so hoch wie für das Schnupperabo.

Natürlich ist es damit nicht getan, man muss auch noch die neue Datenbank bauen, das Archiv aufbereiten, und laufend natürlich einen überzeugenden Newsletter machen, mit einem guten Mix aus einigen Gratisinhalten der Gruppe 1 (s.o.) und zwanglos eingestreuten Hinweisen, z.B. drei Gratis-Abrufen, auf die ansonsten kostenpflichtige Datenbank mit den Inhalten der Gruppe 2. Wohlverstanden: Ich will nicht das Magazin abschaffen, sondern die Kontakte, die man eh macht, deutlich besser “leveragen”. :-) Für weitere Cross-Selling-Aktionen zwischen online und offline müsste man nicht lange überlegen; das neue Modell hilft damit sogar de Abonnentenzahlen.

Aber ob sich das auch rechnet? Keine Ahnung. Nur, wenn es morgen einen Anbieter gibt, der diese Content-Datenbank macht und Geld für die gleiche Vertriebspower mit flächendeckenden Anrufen hat — dann wird dieses Datenbank-Angebot die Print-Konkurrenz einfach Abonnenten kosten. Da wäre es doch schlauer, wenn derselbe Anbieter gleich beides macht, der hat den Content eh schon im Haus.

Fazit: Special-Interest-Print-Titel sind eine schöne Sache, und wer an einem grossen Bahnhofskiosk steht, staunt, wie viele Nischen es gibt, in denen es sich augenscheinlich überleben lässt. Aber man ist auch erstaunt, wenn man sein eigenes Kauf- und Leseverhalten anschaut, mit einer wie geringen “Trefferquote” man sich bei Print eigentlich über die Jahrzehnte zufrieden gegeben hat. Wenn mich in einer “Computer Bild” zwei von den “How-to-Artikeln” interessieren, ist es schon viel. Es ist wie mit früher mit der Schallplatte und dann der CD: Man wollte ein Lied und kaufte zehn. (In diesem Markt verschiebt sich gerade irgendwas, habe ich neulich mal gehört.) Und deswegen wird sich im Special-Interest-Fachzeitschriften-Markt auch einiges verschieben. Womit ich, nochmal, nicht behaupten will, dass Print abgelöst wird. Oder doch, aber ich weiss nicht, in welchem Jahrzehnt. Nur eins steht fest: An qualifiziertem Paid Content als Alternative führt kein Weg vorbei — sobald ihn endlich mal einer macht.


Deutschland V: Was sich nicht ändert. Auch nach der Wahl gibt es Dinge, auf die man sich verlassen kann.

(Kategorie, im Sinn: “Varia”)

Hab noch kein Wort zur Wahl in Deutschland geschrieben. Obwohl ich so schöne Fundstücke hätte posten können. Eine Doppelseite in einem Spiegel von 1997 (gekauft für $6.50 in einem Newsstand im Shopping Center unter dem World Trade Center) mit einer SPD-Werbung mit Schröder und Lafontaine: “SPD – Wir sind bereit.” Kultig. — Am Sonntag (-morgen) ein Zitat aus der NZZaS, dass die Schweizer Gesundheits- und Rentensysteme so oft im deutschen Wahlkampf vorkommen, dass man sich als Schweizer wie ein “Angehöriger eines Tigerstaats” vorkommt. Cool.

Aber jetzt was aus der Weltwoche, aus dem Deutschland-Dossier der Ausgabe von heute. Und weil man den Artikel zwar verlinken kann, aber der Volltext nur für Abonnenten ist, einfach geklaut. (Wie ist eigentlich der Eskalationspfad, wenn man sowas macht?) Nicht alles gleich gut, und “Draussen gibt’s nur Kännchen” fehlt (was laut Titanic auch eh längst im neuen deutschen Grundgesetz steht), aber immerhin. 08 macht einfach ein Heimatgefühl. Und selbstverständlich war das Wembley-Tor nicht drin.

Alles, was zählt Von Ingolf Gillmann

Auch nach der Wahl gibt es Dinge, auf die man sich verlassen kann.

01 – Etwa alle drei Monate ist Adolf Hitler Spiegel-Titelthema.

02 – Bayern wird Meister.

03 – Immer wieder sonntags zeigt Sabine Christiansen ihre Beine.

04 – Geschlechtsverkehr mit Tieren ist weiterhin erlaubt.

05 – Wer Witze über Michel Friedmans Krawatte oder seine Frisur macht, darf als Antisemit bezeichnet werden.

06 – Der «Tatort» im Ersten wird nach exakt 90 Minuten gelöst sein, die Freitagskrimis im zweiten Programm nach 60 beziehungsweise 45 Minuten.

07 – Kaffee wird dreisprachig bestellt: «Ein Latte macchiato to go».

08 – Der offizielle Gruss lautet von montags bis freitags zwischen 11.30 Uhr und 13.00 Uhr «Mahlzeit». Es sei denn, man besucht ein öffentliches Amt – dort heisst es freitags ab 11 Uhr: «Schönes Wochenende».

09 – Es gibt kein Problem, das die Bild-Zeitung nicht mit einer Schlagzeile lösen kann.

10 – «Wir sind Papst» (solange Gott will).

11 – Marcel Reich-Ranicki wartet auf den grossen deutsch-deutschen Roman.

12 – Am Heiligen Abend essen 75 Prozent aller Familien Bockwurst mit Kartoffelsalat.

13 – Heiner Müllers Wort gilt: Natürlich sind zehn Deutsche dümmer als fünf Deutsche.

14 – Das Wembley-Tor war nicht drin.

15 – Eltern haften für ihre Kinder!

16 – Nach der Trauung heisst Sex «eheliche Pflicht».

17 – Und diese Pflicht wird nach neuesten Erhebungen nur noch einmal pro Woche erfüllt. Tendenz nicht steigend.

18 – Franz Beckenbauer kann sagen und machen, was er will.

19 – Wim Wenders bekommt keinen Oscar.

20 – Betreten des Rasens verboten!

21 – Immer mehr Frauen und Männer, die in festen Händen sind, suchen weiche.

22 – Wenn man «Tourist» nuschelt, klingt es wie «Terrorist».

23 – Mallorca.

24 – Am Wahlsonntag gibt es keine Verlierer. Ausnahme: immer die anderen.

25 – Wohnungsmieten bleiben erschwinglich in Vierteln, in denen Zehnjährige fragen, ob man ihnen mal die Bierflache aufmachen kann.

26 – Sterben ist das halbe Leben.

27 – Der Unterschied zwischen Westdeutschland und Ostdeutschland bleibt so gross wie der Unterschied zwischen Anke und Akne.


Peter is having mixed feelings about funny messages

Bin zum ersten Mal nicht ganz hundertprozentig einverstanden mit dem ansonsten für mich Nicht-Techie immer lehrreichen namics weblog. Flickr is having a massage (ich lese immer wieder zuerst “message”) lautet eine Fehlermeldung des Fotodienstes Flickr, wohl, um etwas auszudrücken wie: “Wir sind gleich wieder zurück.” Dann kommt noch eine weitere Zeile: “That was the wrong power switch, we’ll be back shortly”, eine Art Alternativwitz.

Ich hab gemischte Gefühle. Natürlich freue ich mich auch über einen augenzwinkernden Spruch, aber leider bin ich konditioniert durch das Zuschauen bei zu vielen Usability-Tests. Dies ist eine meiner wichtigsten persönlichen Erkenntnisse, die nichts mit Usability im engeren Sinne zu tun hat: Die User sitzen eben nicht so gelassen vor der Kiste wie wir. (Ich meine nicht bei Tests, sondern auch zu Hause.) Die sind nicht selten angestrengt. Sie haben Angst, etwas nicht zu verstehen, etwas nicht zu können, etwas kaputt zu machen; sie wollen, dass das mit diesem Internet jetzt endlich funktioniert. Wenn Fehler passieren, suchen sie diese bei sich, halten sich für zu dumm und nicht etwa die Site für schlecht.

In diese Grundstimmung passt ein flotter Spruch der Site nicht so recht rein. “Dieses Angebot wird temporär gewartet und sollte Ihnen recht bald wieder zur Verfügung stehen, spätestens um 8.15 Uhr” ist natürlich totlangweilig, aber wer sieht, wie oft die User schon humorlose Fehlermeldungen missverstehen, der überlegt sich zweimal, ob es wirklich die zusätzliche Hürde “lustig” sein muss.

Insofern finde ich auch “Grrr!” von Gmail nicht nur toll:

Der Rest des Textes ist ok, daher ist es auch nicht das beste schlechte Beispiel, aber habe gerade kein anderes.

Ich hatte mal irgendwo einen Screenshot vom Registrationsprozess von boo.com, dem im Jahr 2000 spektakulär pleite gegangenen Online-Shop (nach £80 Millionen verbranntem Venture Capital ) — die erste Site, deren Ende unter anderem massiven Usability-Schwächen zugeschrieben wurde. Die Fehlermeldung, wenn man einen zu langen Username eingab, lautete in etwa:

“Hey, we’re not asking you to write a book here. You better make sure your username is not longer than 15 characters.”


emar und die Markforscher

Ehrlich gesagt, so ganz verstehe ich das nicht. Wenn ich eine Mail an fünf Leute schreibe, lese ich sie in der Regel vor dem Abschicken noch mal schnell durch. Wenn ich eine Mail an 500 Leute schreibe (passiert nicht so oft; aber unsere Einladung neulich zum Zeix-Jubiläum war ein Beispiel), lese ich sie mehrmals durch und zeige sie noch jemand anderem. Wenn ich jemals eine Mail an 18924 Leute schicken würde, würde ich sie verdammt genau durchlesen. Jahaa, antwortet der Realist, aber irgendwann wird es Routine, und dann kommt der Schlendrian…

Unfug! Eine ganze Zeitung hat weniger Fehler als die meisten Online-Texte auf einer Seite. Und ich finde einfach, dass in einem Newsletter mit solch einem grossen Verteiler — entspricht ja der Auflage einer kleinen Zeitung — diese beiden Dinge nicht passieren dürfen:

1. Dass das erste Wort im Subject einen auf 100 m ins Auge springenden Fehler enthält:

2. Dass genau derselbe Fehler zweimal innerhalb von sechs Wochen passiert, wie die Volltextsuche von Gmail zeigt:

Mir kam der Fehler heute irgendwie bekannt vor, deswegen habe ich gesucht. Vielleicht habe ich ihn mir beim ersten Mal nur gemerkt, weil ich dachte, so ein Markforscher, der kennt sich vielleicht besonders gut mit dem “Mark sonnengereifter Brasil-Orangen” aus, oder wie diese Fernsehwerbung in den Siebzigern ging. Kalauer, aber war ja auch ein privater Gedanke, jedenfalls damals noch.

Gibt es eigentlich populärere und weniger populäre Tippfehler? Markforscher und Markforschung scheinen wirklich ganz hip zu sein. Aber ich habe auch weder mit anderen Fehlern verglichen noch hier die Trefferliste durchsucht, ob irgendwo nicht doch was über Orangen kommt.

PS. OK, wer jetzt Tippfehler in meinen Postings sucht, wird natürlich welche finden, und ich bin angeschmiert. Bei 20’000 Lesern nehme ich mir einen Lektor.


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