Agentur für User-Centered Design
Las heute im Online-”Fortune” den Artikel Be a better Liar von Seth Godin. Auf Online-Seite-2 spricht er über Georg Riedel von Riedel Glas aus Österreich. Musste mir natürlich gleich die Website anschauen. Die Startseite sah einfach katastrophal aus:
Was ist denn am linken Rand passiert? Ein Blick in die Adresszeile mit der URL www.riedel.com/html/1280.html lässt es ahnen: Vermutlich autoerkennt der Browser meine Auflösung und geht automatisch auf diese Adresse. Und tatsächlich, wenn man sie von Hand auf www.riedel.com/html/1024.html ändert, sieht die Seite besser aus. (Wie bittere Ironie erscheint dann aber die Zeile “website optimized 1024×768, browser internet explorer”, die auch bei der 1280er-Version auftaucht. :-)
Lieber Herr Georg Riedel, ich freue mich ehrlich für Sie, dass Sie so ein erfolgreicher Lügner sind, was Ihre Gläser angeht, aber hier sind Sie einer Lüge Ihrer Webagentur auf den Leim gegangen: Und zwar, als die gesagt haben: “Unterschiedliche Auflösungen sind heute kein Problem mehr, das kann man automatisch erkennen und die Seite entsprechend anpassen.” Ja, das kann man vielleicht, aber niemals kann Ihr Server erkennen, ob der User sein Browser-Fenster auch im Vollbild anschaut, und damit ist die Information über die Auflösung völlig irrelevant. Ich mit meinem neuen Laptop mit der immer noch etwas ungewohnt hohen Auflösung von 1400 x 1050 denke zum Beispiel gar nicht daran, den Browser im Vollbild aufzumachen.
Also, Herr Riedel: Rufen Sie die Webagentur noch mal, sie sollen die Vorschaltseite fixen (danach geht es ja ganz manierlich weiter, lustigerweise ohne verschiedene Grössen, d.h. die ganze Übung war nur für die Vorschaltseite, auf der man eigentlich mehr als genug Platz hat; gut, zu den Popups über der oberen Navigation hätte ich schon auch noch das eine oder andere zu sagen). Ach ja, und dass das mit den Frames funktioniert, ist natürlich auch gelogen, wie man deutlich sieht, aber das wissen wir ja eh seit zehn Jahren.
Sagen Sie der Agentur, Sie wollen es auf Kulanz, und führen Sie an, was auch Seth Godin sagt: “Just make sure your lie is true.” Ist sie in diesem Fall nachweislich nicht.
Als vor kurzem Andreas Göldi schrieb, dass es von den Büchern “Die 1000 besten Websites” nicht mehr so viele gibt, weil “deren Käufer irgendwann gemerkt haben, dass es aktuellere und effizientere Wege gibt, eine Webseite zu finden”, dachte ich: Ja gut, das stimmt einerseits, die Bücher habe ich auch lange nicht mehr gesehen, aber das hindert andererseits alle möglichen Magazine, General Interest und eher Web-Special-Interest, nicht daran, mit erstaunlich hoher Frequenz immer mal wieder mit Listen der soundsoviel besten Websites zum Thema soundso zu kommen. Dieses Internet-Magazin Smile, falls es die noch gibt, Website scheint offline oder ich finde sie nicht, macht zum Beispiel praktisch nichts anderes als solche Listchen.
Genau zwei Wochen später kommt das neue Facts, und was ist drin: “Internet, die 100 tollsten Websites” (so steht’s auf dem Cover). Na toll. Kaufe mir Facts nur, wenn mich etwas wirklich dringend interessiert, war daher happy, das Heft beim Arzt zu finden und die Liste dort schnell durchzuschauen — dabei fand ich etwas so cooles, dass ich es doch noch kaufe musste. Aber der Reihe nach.
Erste Erkenntnis bei den “100 besten Sites”: Ich, doch auch schon ein paar Jahre und eher regelmässig online, kannte von den 100 genau 17; eine Handvoll davon nutze ich mehr oder weniger regelmässig. Natürlich, Google, eBay und amazon; cede.ch, map.search.ch und nzz.ch sind nicht dabei, weil die schon jeder kennt und/oder die Redaktion sie nicht promoten will. Aber trotzdem ist es wohl mal wieder ein Zeichen, dass das Web selbst das beste Long-Tail-Beispiel ist: Vorn gibt es ein paar, die jeder kennt, aber der Schwanz von Sites, die immer noch viele Leute wichtig finden, ist ziemlich lang.
Etwas Mühe hatte die Redaktion einerseits mit der Benennung der Rubriken, was zu gequälten Rubrikentiteln wie “Site ist Zeit und Geld” führte, sowie obendrauf mit der Benennung der jeweils besten Site je Rubrik. Hier entschied man sich für “Klassiker”, was manchmal gut passt, wie etwa bei comparis.ch (die in CH-Printmedien meistzitierte Website, habe ich das Gefühl; so viel zum Thema, dass man sich im Facts eher auf Geheimtipps konzentrieren wollte) und BBC News — aber manchmal überhaupt nicht, wie bei wikipedia.de, das einfach noch zu jung ist, um schon Klassiker zu sein, und googleearthhacks.com, na ja, Google Earth ist nicht mal ein halbes Jahr alt ist, und die Hacks sind schon Klassiker?
Beim Bild von Meg Whitman und Niklas Zennström ist mir dafür endlich eingefallen, an wen Jungmilliardär Zennström mich erinnert: An Arthur, den Totengräber-Lehrling aus der dritten Staffel von Six Feet Under. Leider nur witzig, wenn man diese sehr empfehlenswerte Serie kennt, aber dann ziemlich.
Also gut, und dann kam endlich das wirklich lustige: In der schon genannten Rubrik “Site ist Zeit und Geld” tauchte der folgende Abschnitt auf:
OPEN-PC www.openpc.com
Suchen Sie Experten? Lieferanten? Ein Führer durch die Business Welt – der auch jungen Kaderleuten beim Vernetzen hilft.
Hehehe. Eingeweihte lesen aus der Beschreibung heraus, dass es um OpenBC, kurz für “Open Business Club” geht, die sehr erfolgreiche europäische Business-Netzwerk-Site. Und tatsächlich, bei openpc.com kommt auch: “Die Domain wird vom Inhaber zum Verkauf angeboten.”
Ich kann mir das nur so erklären: Die Redaktoren (gelistet sind: Alain Egli, Rainer Klose; Mitarbeit: Philip Zweifel, Thomas Häusler, Andreas Bucher) hatten es vermutlich richtig drin stehen, dann kam der Korrektor und fand: “Wie, openbc? Geht doch um Internet, muss also logischerweise pc heissen”, hat die Korrektur gleich ausgeführt, und tschüss.
Bemerkt haben sie den Fehler inzwischen, nur wie sie es fixen sollten, wussten sie nicht: Auf der (wahnsinnig unübersichtlich gelayouteten) Online-Version haben sie den Link einfach rausgeschmissen. Und da sehe ich auch gerade, dass sie aus paperazzi.de online “Paparazzi” gemacht haben. Na ja. Ich klick mal nicht alle Links an.
Wie schreiben sie im Editorial: “1995 wurde das Internet vom Spielzeug für einige zum Werkzeug für alle. (…) Zur Feier dieses Jubiläums präsentieren wir Ihnen ein kleines Geschenk: Ein Team von Webkennern hat 100 Sites zusammengestellt, die Ihr Leben bereichern.” Danke für das Geschenk, Facts-Redaktion, und wenn Ihr nochmal zehn Jahre übt, merkt Ihr vielleicht auch irgendwann, dass es bei diesem Werkzeug für alle leider immer noch auf jedes Zeichen ankommt.