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Coming soon — so oder so

Wenn eine Website schon vor dem Launch kommunizieren will, dass es sie bald geben wird, macht sie eine Pressemitteilung darüber. Diese wird von irgendwelchen Medien aufgenommen, und entweder die URL ist schon angegeben, oder wir googeln den Namen oder probieren ihn einfach als Domain aus. So kommen wir auf die Site, obwohl es noch gar nichts zu sehen gibt, was ja auch in der Pressemitteilung stand. Aber die Neugier treibt uns, so wie wir zwischen den Ritzen der abgeklebten Fenster beim neuen Starbucks wenigstens kurz bei den Bauarbeiten zuschauen, auch wenn die in der Regel völlig langweilig anzusehen sind.

Bei einer Website gibt es meist keine Ritzen. (Wenn es doch welche gibt, etwa lustige technische Unzulänglichkeiten, steht es kurz darauf im namics-Blog.) Stattdessen wird als temporäre Homepage eine “Coming soon”-Seite aufgeschaltet. Oft kann man als Besucher seine Mailadresse eingeben, so dass man eine Nachricht erhält, sobald die Site live geht.

Alles sinnvoll. Wenn man schon vor dem Launch kommuniziert, wäre es schade um den neugierigen Traffic, wenn man es anders machen würde.

Diese Coming-soon-Homepage ist allerdings auch der erste Eindruck, den die Besucher von der Site bekommen. Und ich finde, insofern sagt sie schon eine Menge über den Anspruch aus, mit dem die Site ins Rennen geht.

Neulich habe ich Dorian von local.ch gemailt, dass ich seine Coming-soon-Seite gelungen finde:

(gross)

(Disclaimer: Zeix arbeitet für local, aber mit dieser Seite hatten wir nichts zu tun, und ich im Moment mit dem ganzen Projekt nicht.)

Man kann das albern finden, denn es sind ja nur fünf oder so grafische Elemente, ein Input-Feld und ein Button, und die Schweizerkarte sieht sogar noch etwas gequetscht aus. Aber: Diese eine Seite sieht professionell aus. Mehr kann ich an der Stelle eh nicht erwarten, und die Site kann nicht mehr erreichen. Die Eingabe der Mailadresse wird ein bisschen überprüft, und wenn ich ein korrektes Format eingebe, kommt ein AJAX-mässiges Wichtigtuerpopup als Bestätigung. Total nutzlos natürlich, der Effekt, aber schick. Man muss sich eben auch an Kleinigkeiten freuen können, und ich kann das.

Die Startseite von local allein wäre kein Thema für ein Posting gewesen, wenn ich nicht heute ihre hässliche Schwester kennen gelernt hätte. Netzwocheticker und inside-it schrieben, dass Warner Brothers demnächst online Filme verkaufen will. Toll! Ich bin Zielgruppe! Wo kann ich mich anmelden? Will jemand meine Kreditkartennummer? Kann man schon etwas sehen? Vielleicht einen Trailer??

Tja… Nicht direkt:

(gross)

Offenbar haben sie den Webdesigner noch gar nicht eingestellt, sondern erstmal hat nur der Hausmeister eine pechschwarze Abtörn-html-Seite gemacht. Ein Wunder, dass er nicht das animierte Baustellenschild von 1996 ausgegraben hat, aber die Seite sieht aus, als wusste er nicht, wie man das einbindet. Und was heisst hier “Newsletter abonnieren”? Ich will einmal gesagt bekommen, wenn das Ding online ist, siehe oben, und ob ich einen Newsletter abonnieren will, entscheide ich dann. Oder will man mir vier Ausgaben schon vor dem Launch schicken? Vielleicht einen ersten, wenn sie den Hintergrund weiss gemacht, einen zweiten, wenn sie den Inhalt vertikal zentriert haben, einen dritten, wenn Sie das erste GIF eingebunden — na ja, schon gut…

OK, es ist nicht wirklich schlimm, vielleicht wird der Filmrunterladshop ja total super, aber jetzt rechne ich erstmal damit, dass er nicht super wird. Wir können Dorian mal fragen, was seine Startseite gekostet hat, geraten etwa CHF 1000.-? Das wäre womöglich auch für Warner Brothers ein gut investierter Betrag gewesen. Schöne Grüsse, liebe Warner Bros Schweiz, also Leo Baumgartner, Managing Director, und Corinne Imhof, Personal Assistant (surft vielleicht für ihn). Oder Juerg Hofmann, Managing Director, und Cécile Mohler, Personal Assistant, seid Ihr zuständig? Oder hat Roger Hirt das Budget noch nicht freigegeben? Dieser Ratschlag war gebührenfrei.


Kann man “Technisches Personal” ersetzen?

Seit gestern streikt ja das technische Personal das Schauspielhauses Zürich komplett, und alles fällt aus. Vorgestern hatte man laut NZZ-Artikel noch gehofft, es handele sich nur um einen Warnstreik, der nur eine einzige Aufführung im Pfauen betroffen hätte. Im Artikel hiess es:

Den Entscheid zur Absage hatte die Direktion am Nachmittag gefällt – nach vergeblichen Bemühungen, die Aufführung ohne das in einen eintägigen Warnstreik getretene technische Personal vorzubereiten. Wegen Problemen mit der Bühnenmaschinerie habe die Sicherheit nicht garantiert werden können, teilte die Theaterleitung in einem Communiqué kurz nach 17 Uhr mit.

Das passiert ja nicht selten bei Streiks: Wenn beispielsweise nur die Blue-Collar-Worker streiken, wird versucht, sie durch Büroleute so gut wie möglich zu ersetzen. Ich kann mich an einige Beispiele von Druckerstreiks erinnern, wo so wenigstens Notausgaben von Zeitungen zustande kamen.

Ich frage mich immer, wie das gehen soll. Da steigt einer, der sonst Anzeigenverkauf macht, in den Blaumann und stellt sich an die Rotationsdruckmaschine? Wow. Liegt da ein dickes Manual daneben, oder wie weiss der, wo er sie einschalten muss?

Wenn ich es mir allein bei uns bei Zeix vorstelle, und wir sind ja nun wahrlich keine Produktionsfirma, dass zum Beispiel unser Webdesigner Samuel streiken würde und mit ihm die anderen vier Leute, die html können (Falls Ihr das lest, nicht auf falsche Ideen kommen, bitte! Wir zahlen schon deutlich übertariflich. :-), und ich müsste sie ersetzen, wie wäre das? Ein bisschen Dreamweaver könnte ich sicher auch noch, habe aber nur Erfahrung, bestehende Seiten zu ändern, nicht, eine ganze Site zu basteln. Das könnte ich wohl noch einigermassen schnell lernen. Aber PhotoShop könnte ich fast gar nicht, weil ich immer noch nicht kapiert habe, wie das mit diesen Ebenen geht; da müsste ich auf irgendein Billigprogramm wie PaintShop oder so ausweichen — das allerdings inzwischen schon fast genauso kompliziert ist. Vielleicht wäre ja MS Paint für mich am besten…

Wenn also das aktuell laufende Projekt vorsehen würde, einen html-Prototypen für einen Usability-Test zu bauen, und ich müsste den machen: Ich würde es vielleicht irgendwie zusammen bekommen, aber es sähe erstens sicher indiskutabel aus, und ich wäre vermutlich mindestens um den Faktor fünf langsamer, würde also zwei Wochen brauchen statt drei Tage — womit es unter realen Projektbedingungen schon wieder faktisch unmöglich wäre.

Es ist doch faszinierend, wie hoch spezialisiert fast alle Tätigkeiten heute sind, auch innerhalb des Umfelds IT bzw. Webdesign. Meiner Mutter, die unseren Nachbarn, wenn die fragen, was eigentlich Peter macht, antwortet: “Was mit Computern”, wäre das wohl schwer zu vermitteln.

Zurück zum Schaulspielhaus. Wenn es nicht eigentlich etwas traurig wäre, weil das Herz jedes Unternehmers blutet, wenn er Kunden nach Hause schicken muss, selbst wenn es ein städtisches Unternehmen ist, kann man es sich ganz lustig vorstellen, wie das Management vorgestern versucht hat, die Bühnentechnik selbst zu bedienen, dann aber vermutlich irgendwann gemerkt hat, so lange es noch Knöpfe hat, von denen keiner weiss, wofür sie sind, dass dann wohl eben “die Sicherheit nicht garantiert werden kann”. Immerhin, sie haben es offenbar versucht.

In Deutschland soll ja auch demnächst gestreikt werden, die Gewerkschaft ver.di lässt die Muskeln spielen und kündigt an, dass nach 14 Jahren mal wieder z.B. die Müllabfuhr streiken könnte. Und weil WM-Jahr ist, hängt natürlich immer dumpf die Drohung im Raum, das während der Zeit zu machen. Hinten auf so einem Müllwagen zu stehen und dort Säcke reinzuwerfen bzw. Tonnen reinzuleeren, stelle ich mir vor, müsste im Gegensatz zu den vorherigen Beispielen auch für andere städtische Angestellte bzw. Beamte (die ja nicht streiken dürfen) schnell erlernbar sein.


Wettbewerb: 4 x 4’000.- für die besten Schweizer Blogs

Musste ja irgendwann kommen: der erste (Schweizer) Blogwettbewerb.

Update: Anscheinend laufen parallel zwei ähnliche Wettbewerbe um den/die besten Schweizer Blogs. Müssig zu diskutieren, wer der erste und wer der zweite ist.

Update: Zwei persönliche Sorrys an die Swissblogawards

Da haben wir von der Jury der “Goldenen Maus” gedacht, wir machen ihn einfach selbst. Der Wettbewerb ist ursprünglich zur Förderung der ICT im Bildungswesen (ins Leben gerufen 1996, als eLearning noch nicht so hiess und noch auf CD-ROM lief), gestiftet von der Milton-Ray-Hartmann-Stiftung. Die ist aber geistig beweglich und interessiert daran, dass der Preis sich um aktuelle Themen dreht, in denen viel “läuft”, und das kann man ja von Blogs durchaus behaupten.

Habe gerade den deutschsprachigen Maus-Blog unter blog.goldenemaus.ch offiziell in Betrieb genommen mit meinem ersten Posting Gesucht: Die besten Schweizer Blogs aus den Bereichen Bildung, Kultur, Politik und Leben.

Der französische Blog läuft unter blog.sourisdor.ch. Er ist natürlich keine Übersetzung von dem hier, sondern ein eigener Blog, der sich vielleicht anders entwickelt als dieser hier. Richtig übersetzt sind nur die offiziellen Wettbewerbstexte.

Wie es sich gehört, werde ich in der Regel nicht crossposten zwischen nutzbar.ch und dem Maus-Blog, es sei denn, es kommen dort drüben mal tolle Usability-Aspekte ins Spiel, die hier von Interesse sein könnten. Wer den Verlauf mitverfolgen will, sollte also den Maus-Blog abonnieren.

Ich würde mich sehr freuen, wenn die Blogger unter den Lesern einen kleinen Hinweis in ihrem Blog machen würden. Und wenn dann natürlich alle eifrig nominieren.


Sind Suchmaschinen die Blutegel des Web?

Jakob Nielsen scheint sich in letzter Zeit massiv über Google geärgert zu haben. Hat er beim IPO keine Aktien bekommen? Hatte er welche und hat sie zu früh verkauft? Oder hat jemand seinen Guru-Rat nicht ernst genommen? Nachdem er jahrelang Google dafür gepriesen hat, wie effektiv doch diese kontextspezifischen Text-only-Inserate sind im Vergleich zu Bannern (was ja inzwischen jeder weiss, Nielsen hatte es nur früher gemerkt als andere), kommt nun der Ausfall gegen die “obscene profitability of search advertising” etwas plötzlich.

Nielsen landet sogar gleich einen Doppelschlag: Mit dem Alertbox-Artikel “Search Engines as Leeches on the Web” geht er auf das Businessmodell Pay-per-Klick los, und mit der “Sidebar” namens “The Real Costs of “Free” Search Site Services”, die aber eigentlich selbst ein ausgewachsener Artikel wäre (was mich wieder denken lässt, er will eigentlich derzeit gern mehr publizieren, als ihm sein Schema erlaubt) über die “wahren” Kosten von werbefinanzierter Gratis-Software.

Während Nielsen ja meist das Leben in groben Zügen umreisst und dabei eine Schreibe hat, um deren Kürze und Exaktheit ich ihn durchaus beneide, wird er definitiv schlechter, wenn er sich so aufregt. Polemik, finde ich, ist grundsätzlich eine gute Sache (habe neulich mal als mündliches Feedback um zwei Ecken bekommen, mein Blog sei “sehr informativ, aber manchmal etwas arrogant im Ton” — konnte nur denken, ja, wenn die Leute die Fehler von 1997 immer noch machen, muss man halt auch mal sagen können, wie dämlich man das findet), aber sobald jemand zu sehr draufhaut, fange ich an, seine Motive in Frage zu stellen, siehe oben.

Vor allem, weil Nielsen, vielleicht um das zu kompensieren, dann gern haarklein Sachen vorrechnet, ohne die Grundannahmen der Rechnung in Frage zu stellen. Diesmal malt er in schillernden Farben das Bild von den armen Online-Anbietern, die gezwungen sind, den gesamten Deckungsbeitrag bei Google abzuliefern, weil die Konkurrenz ja auch GoogleAds schaltet und man sich so hochschaukelt. Zwar gibt es ruinöse Preiskämpfe im Online-Handel, ein altes, aber immer noch gutes Beispiel, ist der Wettlauf um die guten Positionen bei guenstiger.de & Co. (siehe 2004er-Brand-Eins-Artikel “Von Powersellern und Porto-Piraten”), erst diese Woche habe ich wieder von einem Serviceprovider aus dem eBay-Umfeld gehört, dass viele eBay-Powerseller wegen der grossen Konkurrenz inzwischen praktisch nichts mehr verdiennen, ja manche gar nur noch am Porto — aber dass die Suchmaschinen-Ads so einen ruinösen Wettkampf in allen Branchen auslösen (bei Suchphrasen wie “Online Casino” mag es anders aussehen), das glaube ich erstmal nicht.

Lustig ist vor allem, dass Nielsen bei seinem Suchmaschinen-Bashing die Search-Engine-Results völlig weglässt. Er tut so, als wäre der einzige Use Case, wie ein User etwas findet, dass er auf die Werbung klickt. Ich habe keine Statistiken, in wie vielen Fällen die User auf die eigentlichen Suchergebnisse klicken und in wie vielen auf die Werbung (Sind diese Statistiken öffentlich? Vermutlich nicht. Könnte man aus diesen Google-Zahlen von John Battelle etwas ableiten? Vermutlich auch nicht.), aber ich schätze, im Vergleich der Klicks liegen die Ergebnisse gegenüber der Werbung deutlich vorn. Das heisst, wenn man sein Feld spezifisch genug abgesteckt hat und einigermassen gut im Ranking ist, bekommt man von Suchmaschinen nach wie vor eine Menge Traffic gratis — was Nielsen hier gar nicht berücksichtigt.

Nielsen schreibt dann, dass die Sites versuchen sollten, möglichst ganz ohne Suchmaschinen auszukommen. Die Mittel, die er dazu beschreibt, sind sicher geeignet, aber wer sein Online-Angebot einigermassen seriös betreibt, wird das ja alles sowieso machen, oder anders gesagt: Jeder, der etwas verkauft, vor allem sicher der Versandhandel, weiss schon seit 50 Jahren, dass der Mix zwischen neuen Kunden und bestehenden Kunden stimmen muss, und die beiden Gruppen geht man mit unterschiedlichen Mitteln an, damit sie brav weiterhin kaufen.

Fazit: Ich denke, die von Nielsen beschriebene Effekte, dass Suchmaschinen den Sites, die den Content bereit stellen, sozusagen ihren gerechten Lohn vorenthalten, existiert in Ansätzen durchaus (ich habe schon ganz oft die gewünschte Information einfach aus dem Zweizeiler bei Google ablesen können und musste die Site nicht mal aufrufen), aber Nielsen vereinfacht erstens die Realität unzulässig, indem er nur über Werbung redet und nicht über Resultate, und zweitens verzerrt seine Betrachtung die Stärke des Effekts zu sehr. Heute sehe ich die Beziehung noch eher symbiotisch als parasitär, aber man kann es ja mal im Auge behalten.

Habe vor dem Absenden (tippe schon seit Montag im Zug an diesem Posting, aber leider jeweils offline, weil meine blaue Karte noch ferienhalber in der Schublade liegt) noch gesehen, dass Jürg auch schon zu diesem Nielsen gepostet hatte.

Zum Sidebar-Artikel, dort geht es darum, dass sogenannte Gratis-Software (auch hier meint er wohl Google Desktop, wobei ich das nicht ganz verstehe, denn zumindest bei mir macht Google Desktop keine Ads neben die Suchergebnisse) zum einen eine Gefahr darstellt für seriöse Software-Anbieter, die Geld dafür nehmen, weil sie dummen Consumer natürlich immer nur gratis sehen und dann alles installieren, aber dass wenigstens Corporate CIOs es besser machen müssten, weil Gratis-Software nämlich alles andere als gratis ist, insbesondere kann die eingeblendete Werbung durch die Ablenkung der Mitarbeiter ungefähr genau eine Million Dollar im Jahr kosten, wenn man genau die richtige Firmengrösse hat.

Grundsätzlich stimmt es natürlich, dass Ablenkung auch Geld kostet, aber dieses Hochrechnen vom Kleinen ins Grosse kann man nur bis zu einem gewissen Grad machen, und hier überzieht er einfach. An anderer Stelle war es überzeugender, zum Beispiel bei seinem Ausflug ins Nicht-Usability-Thema Produktivität (“Ten Steps for Cleaning Up Information Pollution”): Dass sich PC-Arbeiter durch E-Mail-Notifications zu oft und zu lange aus der Konzentration reissen lassen, glaube ich sofort, vor allem, weil ich selbst das beste Beispiel bin. Überhaupt, Notifications — wenn Nielsen auf Google Desktop losgehen will, dann muss er vielmehr was über diese ganzen Sachen in der Sidebar schreiben, denn die notifiziert einen defaultmässig wirklich ständig über irgendeinen Mist, etwa über Postings aus irgendwelchen Newsgroups, die man vor Jahren mal mit seinem Google-Account angeschaut hat, das ist richtig schlimm, das habe ich keine Woche durchgehalten, bevor ich es wieder ausgeschaltet habe.

Aber eben, jetzt rechnet Nielsen läppische 11 Sekunden (!) pro Tag und Mitarbeiter auf Zehntausende hoch. Man könnte auch argumentieren, dass es die Volkswirtschaft Millarden kostet, wenn die Leute zuviel trinken und daher während der Arbeitszeit zu oft aufs WC gehen. Andererseits ist aber viel trinken gesund, und daher sind sie dann vielleicht weniger krank — und schon ist’s Essig mit der tollen Hochrechnung.


Weblogs – braucht mein Unternehmen auch eines?

(Artikel aus dem Netzguide Business Communications 2006, Erscheinungsdatum 11. Januar 2006)

Ob «Blogs», kurz für «Weblogs», eine Revolution im Publishing darstellen oder etwas von und für Leute sind, die viel Zeit und wenig zu sagen haben, darüber gehen die Meinungen derzeit dramatisch auseinander. Peter Hogenkamp

In der Schweiz schrieb «Das Magazin» noch im Oktober 2005, Blogs könnten zwar unter Umständen Themen initiieren, aber letztlich keine öffentlichen Debatten generieren. Ganz anders las es sich im amerikanischen “Forbes”: Dort wurde eindringlich vor der zunehmenden Macht der Blogger-Szene in den USA gewarnt, die sich willkürlich wie ein Lynchmob auf ihre Opfer stürze und damit inzwischen zu einer potenziellen Gefahr für alle «anständigen» Firmen und Personen geworden sei. Die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen, wobei es keine Frage ist, dass Blogs in diesem Jahr in Europa in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich gewonnen haben.

Eigentlich nichts Neues

Dabei sind Blogs inhaltlich eigentlich nichts Neues: Persönlich gefärbte Websites, die regelmässig aktualisiert werden. Die Usability-Kolumne «Alertbox» von Jakob Nielsen feierte im Sommer ihr zehnjähriges Jubiläum. Und auch der «Drudge Report», mit dem der Betreiber Matt Drudge 1998 den Lewinsky-Skandal ins Rollen brachte, war damals eine von einer einzelnen Person betriebene – klassische – Website.
Weblogs entstanden als öffentliche Protokolle der eigenen Surf-Touren. Der Unterschied zu den altbekannten Linksammlungen ist der tagesaktuelle Charakter der in chronologischer Reihenfolge publizierten Einträge und die persönliche Sichtweise durch die Kommentare des Autors. Nach und nach bildeten sich daraus folgende formale beziehungsweise technische Eigenschaften heraus

  • Posts: Meist eher kurze, in chronologischer Reihenfolge veröffentlichte Einträge.
  • Permalinks: Jeder Artikel hat eine eigene, statische Web-Adresse, also einen «permanenten Link», damit andere Blogger den Artikel in der Gewissheit verlinken können, dass er auch morgen noch unter derselben URL verfügbar ist (und nicht, wie bei vielen Websites, von «/news» in «/archiv» gewandert ist).
  • Kategorien: Beiträge können kategorisiert werden, so dass die Leser nur eine Teilmenge der Artikel ansehen oder abonnieren können.
  • Kommentar-Funktion: Die meisten Blogs – durchaus nicht alle – erlauben Kommentare zu jedem Eintrag. Obwohl der Betreiber des Blogs diese editieren oder löschen kann, gehört es zum guten Ton, nur durch eigene Kommentare oder neue Posts einzugreifen.
  • Trackback: Automatisch oder manuell können andere Einträge in anderen Blogs ermittelt werden, die auf den eigenen Beitrag verlinken. Diese werden wie die Kommentare darunter angezeigt.
  • RSS-Feeds: Parallel zur Aufbereitung auf der Blog-Website, auf der die Beiträge in einem Browser angeschaut werden können, können sie auch automatisiert abgerufen und verarbeitet werden. Mit einem Feed-Reader kann man sich ein Set seiner Blog- Aboszusammenstellen, das dann automatisch aktualisiert wird – was die alte Idee des «Push»-Contents neu umsetzt. (RSS steht für «Really Simple Syndication» und ist eine saloppe Umschreibung der Tatsache, dass diese Weiterverbreitung der Inhalte «echt einfach» ist.)

Spezielle Blogging-Software automatisiert alle diese Funktionen. Sie läuft meist selbst als Service auf einer Website und funktioniertähnlich wie ein Content-Management-System: Neue Einträge werden in eine Maske geschrieben und sind in Sekunden live geschaltet – und durch spezialisierte Weblog-Suchmaschinen wie Technorati nur wenige Minuten später auffindbar.

Unkompliziert
Auch diese technischen Eigenheiten könnte man auf jeder Website einsetzen. Entsprechend tun sich selbst Medienprofis oft noch schwer. «Ein Blog ist doch nichts anderes als früher ein Diskussionsforum», ist ein häufig gehörter Satz. Die deutsche Wirtschaftswoche streut auf ihrer Website den Teaser: «Wollen Sie der Redaktion die Meinung sagen? Diskutieren Sie mit in unseren Blogs!» Beide Ideen sind falsch, denn ein Leser kann in einem fremden Blog nur bestehende Postings kommentieren, aber keine neuen anlegen – dafür kann er in seinem eigenen Blog auf einen Beitrag anderswo verweisen und dann per Trackback dort verzeichnet werden. Zu kompliziert? Keineswegs, wenn man einen Teilbereich der Szene ein paar Wochen mitverfolgt. Allerdings reicht es nicht, nur einen einzigen Blog zu lesen.

Im Moment ist die Blogger-Szene zweifellos bisweilen noch etwas skurril und mit sich selbst beschäftigt. Sie pflegt Mätzchen wie eine gewisse Kommerzfeindlichkeit gepaart mit der missionarischen Überzeugung, Blogger seien die besseren Menschen. Doch nicht anders war das Web in den ersten Jahren auch. Man erinnert sich noch gut an den Aufschrei der Community, als die «böse» Kommerzialisierung des Webs einsetzte – wobei sich ja zahllose Nischen bis heute gehalten haben.

Einsatzmöglichkeiten kennen lernen
Was sind aber nun die Einsatzmöglichkeiten für Unternehmen?

  • Ein reiner PR-Blog wäre schnell – und sehr kostengünstig – eingerichtet, indem man einfach die Pressemitteilungen mit einem RSS-Feed versieht. Es fragt sich, wie viele Leser das heute anspricht. Es könnte aber durchaus sein, dass RSS in Zukunft zum Standard auch für Journalisten wird.
  • Ein CEO-Blog? Natürlich, aber nur wenn dieser auch wirklich etwas Interessantes zu sagen hat und das möglichst selbst und eben nicht im Verlautbarungs-Stil.
  • Know-how-Blogs zu Spezialthemen von Mitarbeitenden oder Abteilungen? Das könnte ein Versuch wert sein. Allerdings sollte ein gewisses Mitteilungsbedürfnis immer die Grundlage sein. Wer das Bloggen für die Firma als zusätzliche Aufgabe aufgedrückt bekommt, dürfte sich schwer tun.

Aus diesen Gründen sind Aussagen darüber, ob Blogs in Zukunft zum Pflichtprogramm für Firmen gehören, schwer zu treffen. In den USA zeigt sich klar, dass das Format das Potenzial zur Massenbewegung hat. Entscheidend sind dabei nicht unbedingt die 22 Millionen Blogs, die es weltweit gibt (von denen mindestens 20 Millionen zweifellos eher irrelevant sind), sondern die Mehrheit der Internet-User in den USA, die bereits täglich Blogs lesen. In Deutschland gehen die Schätzungen aktueller Studien noch stark auseinander, die Tendenz ist aber sicher auch steigend.

Daher gilt heute: Nicht jede Firma muss unbedingt kurzfristig auf den Blog-Zug aufspringen. Es dürfte jedoch bereits jetzt gut investierte Zeit sein, wenigstens einige Blogs regelmässig zu lesen, um das Format kennen zu lernen. Die sinnvollen Ideen für den Firmen- Blog, wenn es sie gibt, kommen dabei von selbst.

Textkasten
Das Vier-Stufen-Programm – vielleicht – zum eigenen Blog:
1. Beginnen Sie ganz zwanglos. Lesen Sie in der automatisch generierten Liste bei www.blog.ch, was in den letzten Minuten in Schweizer Blogs veröffentlicht wurde. Da dies eine Momentaufnahme ist, kann es natürlich auch sein, dass die Katze der Bloggerin Junge bekommen hat. Lassen Sie sich davon nicht täuschen. Schon nach einigen Minuten werden Sie etwas finden, das Sie interessiert. Suchen Sie von dort aus weiter. Welche anderen Blogs zitiert die Autorin, oder hat sie diese in der Navigationsleiste in einer «Blogroll» verlinkt? Gibt es eine Trackback-Funktion, mit der zu sehen ist, welche anderen Blogs diesen zitieren? Wenn nicht, starten Sie bei Technorati eine eigene Suche mit der URL dieses Blogs oder nach anderen Themen, die Sie interessieren. (Nahe liegender Tipp: Geben Sie den Namen Ihrer Firma ein.)
2. Sie lesen nun einige Blogs regelmässig. (Überspringen Sie diesen Schritt nicht! Kein echtes Blog-Feeling ohne RSS-Push.) Richten Sie sich einen Feedreader ein, entweder webbasiert, also ortslos (z.B. Bloglines) oder lokal (z.B. Feedreader). Abonnieren Sie den Feed Ihrer Favoriten. Wenn Sie bei den Ungelesenen zurückfallen, lassen Sie sich nicht stressen wie von Mails, sondern markieren Sie kurzerhand alles als gelesen und fangen Sie von Neuem an oder werfen Sie doch nicht so relevante Blogs wieder raus.
3. Sie wollen einen eigenen Versuch wagen. Richten Sie zunächst einen privaten Test-Blog ein, in dem Sie mit Freunden und Verwandten kommunizieren. Gratisanbieter sind die Google-Tochter Blogger oder in der Schweiz Kaywa. Achtung, alles wird sofort indexiert, also überlegen Sie sich, ob Sie Ihren eigenen Namen offen kommunizieren wollen. Nehmen Sie auch den eigenen Feed in Ihren Feedreader auf.
4. Sie haben sich entschieden, einen Blog für Ihre Firma einzurichten. Machen Sie es am besten gleich richtig, denn späteres «Zügeln» ist anstrengend. Auch professionell betriebene Blogs verursachen nur wenig Kosten für die Technik. Lassen Sie sich von Blog-Experten (nicht alle Web-Agenturen haben schon Erfahrung) etwa die Adresse «blog.ihredomain.ch» einrichten. Nehmen Sie Ihre neue Leserschaft ernst. Es gibt keine «richtige» Frequenz, aber posten Sie mit einer gewissen Regelmässigkeit und Verlässlichkeit. Viel Erfolg!

PDF-Version (2 Seiten, 125 kB)



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