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Haben Sie Angst vor der Vogelgrippe?

(aus “20 Minuten” von heute, Seite 2)

Kadire Fazlievska (16), Wolhusen

Für mich ist klar: Ich esse ab sofort kein Hühnerfleisch mehr. Schade, denn ich liebe Chicken Nuggets. Angst vor Vögeln habe ich aber keine. Ich werde sie in der Mittagspause weiterhin füttern.

Ich finde es toll, dass die mediale Aufklärung so gut greift. Und dass 20 Minuten, als grösstes Schweizer Medium für Leute, die keine anderen Zeitungen lesen, auch seinen Beitrag leistet.


Ritter der Schwafelrunde?

Wieder mal ein Artikel über Blogs in einer Zeitung: “Ritter der Schwafelrunde” in der Süddeutschen. Der Titel ist in seiner Plakativität nicht schlecht, zugegeben, auch wenn der Autor Alex Rühle trotzdem anscheinend überlegt hat, ob er ihn nicht durch “anschwellender Blogsgesang” ersetzen sollte. Diese Alternative fand er nämlich so gut, dass er sie immerhin noch im Lead und im Artikel untergebracht hat. (Auf das Original “Anschwellender Bocksgesang”, ein Spiegel-Essay von Botho Strauß von 1993, wird so oft sprachlich angespielt, dass ich langsam gern mal eine Umfrage machen würde, wie viele Leute diese Spielchen eigentlich mitbekommen.)

Rühle schiesst sich vor allem ein auf die Leute, die das Web sowieso und jetzt Blogs als Hilfsmittel betrachten, uns alle in eine höhere Sphäre zu heben, die finden, dass sich “im Internet die Idee eines kollektiven Bewusstseins manifestiert” (Steven Levy) und so weiter und so fort. Ich kenne ein paar Blogger, online wie persönlich, und keiner von denen denkt sich solche Sachen aus. Aber natürlich, wenn man als Journalist Blogs oder generell das Web 2.0 diskreditieren will, dann muss man nur ein paar durchgeknallte Typen zitieren, und schon geht’s ganz einfach.

Natürlich ist das nicht der einzige Ansatz, wir haben schon einige Alternativen kennengelernt, die auch zum gewünschten Resultat führen. Eine ist es, banale Inhalte zu zitieren. Das kann man mit fast jedem Medium machen, und es funktioniert fast immer. Nur würde heute wohl keiner drauf kommen, einen schlecht geschriebenen Artikel aus einem Gratis-Quartierblatt zu zitieren und anhanddessen nachweisen zu wollen, wie dürftig das Niveau des Mediums Zeitung eigentlich ist; ich könnte mir aber gut vorstellen, dass zu Gutenbergs Zeiten von einigen Mönchen so argumentiert worden ist (damals wohl noch nicht anhand von Gratisblättchen).

Wobei ich nicht sagen will, dass Diskretieren nicht durchaus einen gewissen Unterhaltungswert hat und vielleicht sogar zutreffend sein könnte. In der aktuellen Weltwoche macht Gion Mathias Cavelty sich unter dem Titel “Liebe ist… wenn es knackt” (online nur für Abonnenten) über das SVP-nahe buureradio.ch lustig, indem er ein Partnersuche-Interview mit einer Bäuerin wiedergibt, in deren Partnersuchportfolio offenbar die körperliche Anziehungskraft des Gesuchten zentralen Raum einnimmt, wie der abgedruckte Dialog zwischen Moderatorin Vreni Zuberbühler und Kandidatin Karin zeigt:

Vreni: «Danke für dini Aagoobe, und jetz chömmemer zu dim gsuechte Traummaa. Wa meensch, wie sött er uusgsieh?» / Karin: «Da isch no relativ schwierig… Do jo s Aug au mitisst, sött er gliich no einigermasse uusgseh… Er sött öppe-n-es Hobby ha… Und sött au chönne mit mir öppe-n-es Ross stehle.» / Vreni: «Jo… In däm Fall gohts gliich echli übers Uusgsieh… Bisch du nüd e Frau, wo saat: Mir isch glich, wie-n-er uusgsieht – d Hoptsach isch mer, wenn er en Leiige isch?» / Karin: «Jo… (diplomatisch) S Leiig-Sii wär jo an und für sich au guet… Aber… (Pause) do me jo gwüssi Aasprüch hät… mue jo säb au stimme (lacht schmutzig).» / Vreni: «Jo, aso i bi ganz gliicher Meenig wie du… I denke, me chauft au nüd unbedingt e Chueh, wo em nüd gfallt, obwohl me dezue au mue säge, dass nüd all die schönschte Chüeh am meischte Milch gend… Und wie alt sött er denn see? Häsch du e Limite? Zum Biispiel, dass du saasch ‹bis Vierzgi›?» / Karin: «Wenn en Vierzgjöhrige mag mithebe mit dem wa-n-i… (Pause) mache, tue und bruuche…» / Vreni: (lacht schmutzig) / Karin: (lacht schmutzig) «…denn isch mer da gliich…»

OK, saulustig. Würde es gern als Podcast hören. Aber sagt das mehr über Radio als Medium aus oder über buureradio als Kanal? Eben.

Und jetzt könnte man, um wieder die Brücke zum Artikel in der Süddeutschen zu schlagen, noch etwas “Radiotheorie” hervorkramen, die gibt’s ja praktischerweise sogar unter dem Namen, etwa von Brecht, dann hätte man auch wieder eine Wahrnehmung des Mediums auf der Metaebene, die in der Realität nicht gerade genauso eingetreten ist, was das Medium aber nicht daran gehindert, eine bedeutende Rolle zu spielen.

Mir gehen die nur positiven und die nur negativen Artikel zum Thema “User Participation” gleichermassen auf die Nerven, den in beiden findet man denselben Mechanismus: Die überschwänglichen räumen in einer Fusszeile ein, dass es auch ein paar belanglose Blogs geben könnte, und die kritischen schreiben einen halben Absatz darüber, dass es ja durchaus auch einige beachtenswerte Entwicklungen gibt. (Rühle schreibt einen Satz: “Natürlich, es gibt die Bildergalerie Flickr, die Musikbörsen, Googleearth, all diese Programme, die Konsumenten miteinander vernetzen und ihnen fantastische Plattformen für Kommunikation und Selbstinszenierung bieten.” und weiter unten noch mal ein paar über den Sony/BMG Rootkit-Skandal: “Früher hätte der Mann einen Brief geschrieben und eventuell eine schmallippige Antwort bekommen. Heute, in Zeiten der globalen Stiftung WWWarentest, löste seine Erkenntnis einen Orkan im Netz aus. Am Ende entschuldigte sich der Chef des Musikkonzerns persönlich in einer Pressekonferenz.” — aber in beiden Fällen kehrt er gleich danach mit einem grossen “Aber” zurück zum Bashing.)

Beide Seiten vereinfachen damit die Realität unzulässig. Den Zustand, dass es praktisch nichts mehr kostet, etwas weltweit zu publizieren, haben wir schon einige Jahre, und jetzt gibt es auch noch ein Format, das die Aktualität in den Mittelpunkt stellt.

Das wird ganz sicher einiges bewirken, das ich aber hier nicht alles aufzählen möchte, andere Blogs tun das berufener als ich.


Live Fact checking bei Spiegel Online??

Das ist jetzt wirklich interessant. Vor ein paar Minuten hatte ich meinen Post Aufgeblasener Spion in der Mailbox abgeschickt zum Artikel Spion in der Mailbox bei Spiegel Online. Dort geht es darum, dass eine Sicherheitslücke gibt, die zwar absolut intolerabel ist, aber aus meiner Sicht keinen Artikel mit einem unterschwelligen Watergate-Tonfall rechtfertigt.

Wie gesagt, der Artikel erscheint Montag im gedruckten Spiegel und heute (Samstag) vorab online. Machen die immer so, natürlich nicht mit allen Artikeln, aber so haben sie auch am Wochenende ein bisschen frischen Content. Ab Sonntag 0 Uhr hat man (Abo vorausgesetzt) Zugriff auf das ganze Heft als ePaper. Ich kenne den genauen Zeitplan nicht, nehme aber an, jetzt ist gerade noch die Schlussredaktion in den letzten Zügen, und die Druckmaschinen laufen ab irgendwann heute Nacht. Was ich damit sagen will: Am Samstag Nachmittag könnte man vielleicht auch noch letzte redaktionelle Änderungen machen.

Ich hatte den Artikel etwa um 14.30 Uhr gesehen und dann darüber gepostet. Um 16 Uhr, nachdem ich mein Ding geschrieben hatte, habe ich ihn noch mal überflogen, weil ich die Paris Hilton Geschichte noch bei engadget nachgelesen hatte, und — der entsprechende Absatz im Artikel ist weg!

Zum Glück habe ich noch das alte Fenster offen, und tatsächlich, ich habe nicht halluziniert (dagegen hätte auch gesprochen, dass das Paris-Hilton-Bild jetzt irgendwie etwas wenig Bezug zum Text hat), da ist er noch. Nebeneinander sieht das so aus — links alt, rechts neu:

(nebeneinander grossnur alt ganzes Fensternur neu ganzes Fenster)

Der Absatz nochmal als Text:

Um 14.30 Uhr:

Ganz unbekannt war die Bedrohung zumindest bei der Telekom nicht. Schon im Februar war das ehemalige Staatsunternehmen von T-Mobile-Kunden in den USA auf das Problem aufmerksam gemacht worden. In einem ähnlich gelagerten Fall hatten Hacker sogar das private Telefonverzeichnis der Skandalnudel Paris Hilton ausspioniert und die Daten ihrer prominenten Freunde ins Internet gestellt.

Um 16 Uhr:

Ganz unbekannt war die Bedrohung zumindest bei der Telekom nicht. Schon im Februar war das ehemalige Staatsunternehmen von T-Mobile-Kunden in den USA auf das Problem aufmerksam gemacht worden.

Was soll man davon halten? Der Spiegel ist ja berühmt für sein Fact Checking, sie waren in Deutschland die ersten und lange auch die einzigen, die das seriös machen, hat Gabriele Fischer mal bei einem Workshop erzählt. Aber gehen die erst drüber, nachdem die Online-Version des Artikels schon live gegangen ist? Würde mal wieder dafür sprechen, dass man Print immer noch deutlich wichtiger nimmt, denn online kann man es ja zur Not noch schnell ändern, wie gesehen.

Oder Frank Patalong hat sich bei Technorati einen Alert für seinen Namen gesetzt und noch schnell interveniert.

Womöglich — per SMS.


Aufgeblasener Spion in der Mailbox

Update: Live Fact checking bei Spiegel Online??

Ich lese den SPIEGEL jetzt seit etwa 15 Jahren und immer noch gern. Mir geht noch nicht mal die eigentlich penetrante Manie auf die Nerven, jeden Artikel mit einer persönlichen Begebenheit zu beginnen, um Authentizität zu suggerieren. Wenn Angie zu Münte sagt, er soll gefälligst seinen roten Schal abnehmen, bevor er sich zu ihr auf die Regierungsbank setzt — oder man dasselbe nur vermutet — ich find’s ganz lustig. Und auch diese pseudodramatisch ausklingenden Enden, wo ein bedeutungsschwerer Satz noch lange nachhallt (mehr im Heft als online), sind manchmal etwas übertrieben, aber wieso nicht.

Mir fällt allerdings auf, dass mir bei allen Themen, bei denen ich mich selbst etwas auskenne, dieselben Manierismen unglaublich auf die Nerven, vor allem da, wo es eigentlich keine Nachricht von Bedeutung zu vermelden gibt. Vor sechs Wochen war es Facts, das simples Googeln als sensationellen Hack verkaufte, heute ist es der Spiegel mit dem Artikel Spion in der Mailbox (aus der Ausgabe von Montag vorab online), der aus einer kleinen Meldung eine grosse Geschichte machen will.

Die Fakten sind nämlich schnell erzählt: Mit verschiedenen VoIP-Diensten kann man bei Anrufen seine Nummer faken, dadurch kann man auf Voicemail-Applikationen zugreifen, die so eingestellt sind, dass sie Anrufe von der “eigenen” Nummer automatisch autorisieren. Mit einem zusätzlichen Trick kann man so auch gratis telefonieren: Man hinterlässt zuerst eine Nachricht mit Kennung der (z.B. ebenfalls gefaketen) Absendernummer, dann hört man diese ab und wählt die Option “Rückruf”. Ich nehme mal an, danach löscht man die Nachricht wieder. Der richtige Kunde merkt es nur, wenn er zufällig dazwischen selbst die Mailbox abhört.

So weit, so schlecht, aber auch nicht eben dramatisch. Es gibt eine neue technische Möglichkeit, die zu einer Verschlechterung der Sicherheit in einem bestimmten Aspekt führt, und nun muss man die Sicherheitsvorkehrungen anpassen. Im Gegensatz zu relevanten Fällen von Sicherheitslücken ist hier die Gegenmassnahme völlig trivial: Die richtige Nummer reicht einfach in Zukunft nicht mehr als Identifikationsmerkmal. (Die E-Mail-Absenderadresse zum Beispiel war nie ein sicheres Merkmal von Authentizität, leider eigentlich, aber abgesehen davon, dass ein paar Millionen Leute das nicht wissen und daher potenziell auf Phishing-Mails hereinfallen könnten, ist es kein grosses technisches Problem, Authentifizierungsprozesse via E-Mail werden einfach anders aufgebaut, nicht durch Senden wird eine Mailadresse beglaubigt, sondern durch Empfangen, vgl. Double-opt-in.) Und entsprechend wundert es auch nicht weiter, dass “alle Firmen versprachen, das leidige Problem innerhalb weniger Tage in den Griff zu bekommen”.

Natürlich, schon nervig, aber sowas wird sich nie ganz verhindern lassen, weil es halt immer den Tradeoff Convenience vs. Security gibt (vgl. PIN “1234″), und manchmal muss man da halt nachjustieren.

Aber nun wieder der Spiegel.

Erst dieses Intro, mit einem Typen, der eigentlich Videocassetten repariert. Sehr relevant. Und ausgerechnet so einer hat jetzt dieses RIESENding aufgedeckt. Wahnsinn. Leider kommt er dann in der Geschichte gar nicht mehr vor, nur war der Deal vermutlich, dass man ihn namentlich nennt, weil er es dem investigativen Spiegel-Reporter gesteckt hat.

Ohne großes technisches Equipment und mit relativ bescheidenem Fachwissen…

Ja, man muss halt ein bisschen VoIP-Equipment und einen Vertrag mit einem Anbieter haben (keine Ahnung, mit welchem das geht) und dort die Dialogbox finden, wenn ich mir so die Usability von VoIP-Bastelsystemen anschaue, eventuell schwieriger als man denkt. :-)

Dann der “Bluebug”. Der überhaupt gar nichts mit dem vorliegenden Fall zu tun hat, aber zweifellos auch sehr gefährlich war. Aber “der Spion musste sich im Umkreis von höchstens zwei Kilometern um das Handy aufhalten”. Was? Mit Bluetooth? Zehn Meter, würde ich sagen, und das besser ohne Wand dazwischen. (Gefunden bei AVM: Unter “idealen Bedingungen”, das ist vermutlich auf dem Mond, und mit der neusten Generation kommt man maximal 400 m weit.)

Gegenüber dem neuentdeckten Leck wirkt der Klassiker aber wie ein Kindergeburtstagsspaß…

Abgesehen von der albernen Formulierung, ist das wirklich so? Ob jemand Adressbuch und Kalender von meinem Handy kopiert oder löscht oder meine Voicemails abhört? Natürlich ist beides doof, aber wenn man es in Menge geklauter Information umrechnet, ist der Zugriff auf die Handy-Daten wohl eher schlimmer.

Von der neuen Sicherheitslücke dagegen sind Handys jeder Bauart betroffen. Der Hacker kann Tausende Kilometer entfernt sitzen. Er muss nur die Rufnummer des Mobiltelefons kennen, das er illegal aushorchen will. Und das Problem, so vermuten Experten, betrifft fast alle Netze weltweit.

Ja, das erste stimmt, weil es mit dem Handy überhaupt nichts zu tun hat. Wenn auf der Autobahn Stau ist, sind auch Autos jeder Bauart betroffen. Und dass man Tausende Kilometer entfernt sein kann beim Telefonieren, potz, das ist auch so, aber schon länger. Und dreimal ja, es dürfte alle Netze betreffen, zumindest alle, die ihren Kunden diesen komfortablen Autologin angeboten haben, weil es, wie gesehen, ein logisches Problem ist, kein technisches.

Die Lücke riss offenkundig auf, als etwas anderes zusammenwuchs: klassische Telefonnetze und Internet.

Das stimmt. Jetzt kommen ja auch die drei Absätze mit dem eigentlichen Inhalt, der knapp die Hälfte des Artikels ausmacht und den ich mir erlaubt habe vorzuziehen. Aber wenn man erstmal nicht schreibt, worum es geht, und die Leser über 20 Zeilen in dem Glauben lässt, es habe jemand sonstwas für einen Hack zustande gebracht, dann wird es natürlich viel spannender.

Voice over IP (VoIP) heißt das Zauberwort im Jargon der Techniker.

Also, der Videocasettenbügler hat mit Klaus-Peter Kerbusk schon mal nicht unbedingt den Technikexperten des Spiegel erwischt. Hier wird über VoIP geschrieben, als wäre es ein obskurer Geheimbund. Wenn das Frank Patalong liest (Chef Ressort “Netzwelt” bei SpOn), dann wird er sich auch seinen Teil denken, denn bei SpOn gibt es schon ein ganzes Dossier über VoIP.

Zwischendurch kommt’s dann nochmal ganz dicke: In einem “ähnlich gelagerten Fall” habe ein Hacker neulich schon das private Telefonverzeichnis von Paris Hilton “ausspioniert”. Ähnlich gelagert? Damals ging es darum, dass Paris Hilton den “Sidekick” von T-Mobile hatte, der automatisch einen Backup des Adressbuchs im Web speichert. Was praktisch ist, wenn man das Gerät verliert. Aber weniger sicher als wenn man die Daten nur lokal hat. Siehe oben zum Tradeoff. Wenn ich mich recht entsinne, hatte Paris als Username ihren Namen und als Passwort den Namen ihren Hundes, Tinkerbell, den jeder GALA-Leser kennt. Das war so dämlich, dass man gar nicht von einem Hack sprechen konnte, sondern der Typ hat sich einfach regulär eingeloggt. Cool war nur, dass er alle Promi-Telefonnumern gleich gepostet hat, und nur deswegen stand es auch am Ende in “20 Minuten”. Diese beiden Sicherheitslücken sind nun wirklich überhaupt nicht “ähnlich gelagert”, ausser dass beide etwas mit Computern zu tun haben, aber, sorry, das ist das Niveau, auf dem meine Mutter unseren Nachbarn erklärt, “unser Sohn macht was mit Computern”.

Ja, und am Ende kommt dann natürlich noch der Nachhall-Ausklang:

Die Lösung scheint relativ einfach: Ab sofort werden sich alle Handy-Nutzer vor der Abfrage ihrer Mobilbox über eine Geheimnummer identifizieren müssen, wenn sie nicht direkt aus dem eigenen Netz heraus anrufen.

Eben. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Die entsprechende Zahlenkombination sollen sie bei speziellen Hotlines erfahren oder zugeschickt bekommen – per SMS.

Nicht im Ernst! Was soll denn das jetzt heissen? So konspirativ hatte der Artikel doch schon angefangen, und dann war rausgekommen, dass die Riesensicherheitslücke ein kleines, unangenehmes, aber schnell zu behebendes Leck ist. Und am Ende will der Autor uns en passant doch noch mal schnell weismachen, dass eigentlich doch alles unsicher ist, was mit Handys zu tun hat??

Also auch SMS…

Denn — man weiss ja nie.


Facts bläst müde “Tricks” auf

Die nächste “grosse” Internet-Geschichte im “Facts” vom letzten Donnerstag:

Wir wissen alles über Sie

Der Test: Wie einfach private Daten im Internet zu finden sind.

(online nur für Facts-Abonnenten verfügbar)

In der Tagimagi-Geschichte von Guido Mingels, so wenig wir auch mit seinen Schlussfolgerungen übereinstimmten, waren wenigstens die Fakten sauber recherchiert. Hier dagegen sehen wir wieder das Niveau, das man leider von General-Interest-Magazinen erwarten muss: ein buntes Sammelsurium durcheinandergewürfelter Fakten und Halbwahrheiten, gewürzt mit scheinbar pikanten Inhalten und Abbildungen.

Ich dachte schon, als ich den Titel sah, Facts habe etwas wirklich Interessantes mitzuteilen, ähnlich etwa den am selben Tag von Jürg Stuker vorgestellten Google-Hacks. Natürlich weit daneben. Facts hat anhand mehrerer Prominenter (alle sieben Schweizer Bundesräte, Eidgenössicher Datenschutzbeauftragter Hanspeter Thür) jeweils folgende “Hacks” ausprobiert:

  • Privatadressen und Telefonnummern bei tel.search.ch gesucht (sie schreiben www.telsearch.ch, was auch funktioniert, search.ch kennt natürlich seine Pappenheimer; aber es wird richtig geforwarded, und oben links steht es auch noch mal korrekt — da sind sie schon wieder, unsere kompetenten Journalisten, die überzeugt sind, wenn es Internet ist, muss es mit “www” anfangen).
  • Nach dem Namen gegoogelt und dabei relativ weit genug gesucht, bis auch Treffer auftauchten, wo mal empörte Bürger die Privatadresse von Moritz Leuenberger ins Netz gestellt haben.
  • Für viele Promis den super Trick angewandt nach “Name Vorname 079″ zu suchen und sich diebisch gefreut, dass diverse Natelnummern auftauchten, vor allem von politisch aktiven Personen, die mal Ansprechpersonen in Kampagnen waren. Recht ausführlich wird erklärt, wieso man bei Simonetta Sommaruga die 079 durch eine 078 ersetzen muss — “sie telefoniert offensichtlich nicht mit Swisscom” (stimmt so nicht einmal).
  • Adressen und Telefonnummern reingeschrieben, aber dann geschwärzt — wir sind ja sowas von ethisch — dabei kann es mit den simplen Anleitungen natürlich jeder nachvollziehen.
  • Die Adressen bei map.search.ch anzeigen lassen und die Karten mit den roten Kreisen gross neben den Fotos der Betroffenen (Couchepin, Blocher, Leuenberger) ins Heft gestellt. Bei Thür im Folgeartikel stammt die Karte — die von oben sein Bürogebäude (!) zeigt — von Google Earth.
  • Noch ein paar mehr oder weniger private Fotos ausgegraben — von Fiona Hefti aus dem griechischen Playboy Fotos, die an Harmlosigkeit nicht zu überbieten sind, und die mal der Blick abgedruckt hatte, was 20 Minuten übernahm, wo sie noch im Archiv sind; Pascal Zuberbühler auf einem Foto mit Freunden. Wow.

Das zusammen soll dann alles sehr bedrohlich nach gläsernem Bürger aussehen. Textauszug beim Leuenberger-Absatz:

“Das Internet-Telefonverzeichnis bietet zudem eine Umgebungskarte, die einen grosszügigen Einblick ins Quartier gewährt. Das alles ist ein Kinderspiel; das alles muss ein Horror sein für die Sicherheitsbeamten des Bundes.”

Ich bin ein grosser Fan von map.search, aber nicht, weil die Auflösung der Karten auf der höchsten Stufe mir einen CIA-artigen Blick in die Gärten ermöglicht.

Bei Bundesrat Merz ersparen sie sich die tolle Nummer mit dem Googeln und dem Foto von map.search. Sondern vermelden nur kurz, dass er sowieso im Telefonbuch steht. Das wäre mal eine erste inhaltliche Erwiderung auf den Artikel: In der Schweiz ist einfach diese “Geheimhaltekultur” viel weniger verbreitet als in vermutlich fast allen anderen Ländern. In Deutschland würde doch, selbst wenn es Abstimmungskampagnen gäbe, niemals irgendjemand auch nur annähernd Wichtiges seine Telefonnummer, gar seine Handynummer, auf einer Website veröffentlichen. Nie. In der Schweiz wird das immer wieder gemacht, weil die Leute offenbar keine schlechten Erfahrungen damit machen, sonst würden sie es ja lassen. Und jetzt kommt Facts und sagt: “Sehr gefährlich, unsere entspannte Kultur!”

In einem Textkasten steht dann irgendwann in der Mitte des Artikels:

Das kann jeder

Die im Artikel verwendeten persönlichen Daten, Adressen, Telefonnummern und Kartenausschnitte stammen von kostenlos und ohne Passwort im Internet einsehbaren Sites. Alle User haben auf diese Informationen freien Zugriff. Verzeichnisse, Datenbanken und Register, die lediglich gegen Bezahmg und mit geschütztem Zugang offen sind, wurden nicht verwendet.

Diesen Ansatz finde ich soweit ja ganz gut. Abgesehen davon, dass sie nur müde “Tricks” kennen, die auch nur halbwegs versierte Leute gar nicht als solche bezeichnen würden.

Problematisch wird es dann im weiteren Verlauf des Textes. Dort kommen die unvermeidlichen Geschichten von bösen Websites, bei denen man sich überall registrieren muss, und von den Kreditkartendaten, die man dabei hinterlassen soll — was allerdings gar nichts mit dem visible Web für Google zu tun hat, auf das man sich eigentlich beschränken wollte. Und natürlich kommen auch noch die “so genannten Cookies auf dem heimischen Rechner, die das Surfverhalten ausspionieren” zu ihrem Auftritt:

Fachleute entwerfen unschöne Szenarien, zum Beispiel: Wer eine Lebensversicherung abschliessen möchte und kurz zuvor zur HIV-Infektion eines Freundes online recherchiert hat, bekommt in Zukunft vielleicht nur noch ein sehr ungünstiges Angebot von den Versicherern unterbreitet.

Das müssen ja schöne Fachleute sein, die sie da gefragt haben. Diese falsche Wiedergabe davon, was Cookies sind und was sie machen, schreibt wohl der eine Journalist vom anderen ab — richtiger wird sie dadurch nicht.

Fazit: Der Artikel ist zur Hälfte “Guckt mal, was wir können!”, wobei ich vermute, dass die Redaktion wirklich denkt, sie hätte da tolle Sachen entdeckt. Die andere Hälfte ist das übliche Gemenge von Halbwahrheiten, wobei man als etwas fachkundiger Leser nicht sagen kann, ob es Unwissenheit, Ignoranz oder gezielte Desinformation ist. Der einzige aus meiner Sicht wirklich relevante Punkt, den sie machen — Leute, überlegt Euch gut, was Ihr ins Netz stellen wollt, denn wenn es einmal da ist, kriegt man es praktisch nicht mehr weg — geht dabei leider unter.


Artikel-Reaktionen: Fünf Leserbriefe

Habe die fünf Leserbriefe auch ins Forum gestellt.


Leserbrief kommt NÄCHSTEN Samstag

Missverständnis: Die Ausgabe mit unserem Leserbrief erscheint erst am nächsten Samstag, nicht morgen. Das Magazin hat jeweils eine Woche vor Publikation Redaktionsschluss.

Sorry, mein Fehler. Ehrlich gesagt hatte ich mich auch gewundert, als er mir Freitagmorgen als Liefertermin für den Leserbrief nannte. Das wäre ja mehr ein Tageszeitungsrhythmus, und wozu die Hetze bei einem Wochenmagazin. Aber ich hatte irgendwie nicht weiter gedacht und geglaubt, er käme in die Ausgabe von morgen. Jetzt also am Samstag, 29.10.2005. Meinem fünfzehnjährigen Schweiz-Jubiläum. Wenn das kein gutes Omen ist…


Leserbrief ans Magazin ist raus

Vorbemerkung: Wie schon gesagt bedeutet die Tatsache, dass wir jetzt den Leserbrief geschrieben und versandt haben, keineswegs, dass die Diskussion im Forum zu Ende ist — im Gegenteil, morgen sollten ja hunderttausende Magazin-Leser dazu kommen. :-) Ausserdem wäre es sicher sinnvoll, wenn wir demnächst mal einen “Digest” der Diskussion verfassen, der etwas länger ist.

Von: Peter Hogenkamp

An: Mingels Guido

Datum: 21.10.2005 08:52

Betreff: Leserbrief zum Artikel

Guten Morgen Herr Mingels

Noch einmal danke für Ihre Unterstützung am Mittwoch, die Zusage für den Leserbrief und die Zustellung Ihres Artikels als PDF.

Wie besprochen unten angehängt unser Leserbrief. Wir mussten noch eine personelle Umsetzung beim Schreibteam vornehmen, weil Robert Stark heute morgen um 2.57 Uhr Vater einer Tochter geworden ist; Andreas Göldi hat ihn vertreten. Es sind aber natürlich Gedanken von Robert Stark eingeflossen.

Die 1000 Zeichen mussten wir knapp überschreiten. Wie bereits am Mittwoch abgemacht möchten wir allfällige Kürzungen (die uns allerdings sehr schwer fallen würden, wir konnten schon so nur knapp drei Gedanken reinquetschen) selbst vornehmen. Wir sind auch heute kurzfristig erreichbar. Schliesslich liegt uns natürlich auch der Hinweis auf das Online-Diskussionsforum sehr am Herzen — ich bin wirklich gespannt, wie viele Ihrer Leser am Samstag den Weg vom Heft ins Forum finden würden.

Freundliche Grüsse

Peter Hogenkamp, peter.hogenkamp [at] gmail.com, 079 634 xx xx, Skype phogenkamp

Andreas Göldi, agoeldi [at] agoeldi.com, 079 207 xx xx, Skype agoeldi

— Inhalt ab hier —

Zwar will Guido Mingels auch nicht mehr auf das Internet als “praktisches Werkzeug” verzichten, aber unser Leben verändert es deswegen laut seiner Aussage noch lange nicht. Zu kurz gedacht, finden wir. Die Druckerpresse, das Telefon und das Auto sind auch nur “praktische Werkzeuge”, die aber offensichtlich unser Leben sehr grundlegend beeinflusst haben – wenn auch oft ganz anders, als es sich die Zeitzeugen dieser Erfindungen damals vorstellten.

Der Artikel wirft dem Internet vor, kein echtes Massenmedium zu sein, keine “öffentlichen Ereignisse” wie Music Star schaffen zu können. Das ist, als würde man dem Automobil ankreiden, dass es sich zu wenig ans Schienennetz hält. Eine der grossen Stärken des Netzes ist eben gerade, auch noch kleinste Nischen besetzen zu können, für die mit klassischen Medien niemals Inhalte kosteneffizient produziert und (global) verbreitet werden könnten.

Mingels kramt einmal mehr die altbekannten Schwächen des Netzes hervor: vielerorts banale Inhalte, illegale Aktivitäten, Flop-Projekte wie ch.ch. Sinnvolle Beispiele hat er nicht gefunden oder nicht gesucht. Ist es Zufall, dass in einem Print-Magazin die “Konkurrenz” für irrelevant erklärt wird? Oder schreibt da bereits die Angst vor einer weniger monolithischen Medienlandschaft mit?

Andreas Göldi – Peter Hogenkamp – Robert Stark

Die Autoren haben zum Thema ein Online-Diskussionsforum eingerichtet unter der Adresse nutzbar.jot.com.


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