Agentur für User-Centered Design
Neulich las ich den Status-Update meiner Kollegin Olivia auf Facebook:
RT @zeix: Wir gratulieren @yoose zum Spezialpreis des #smaato Award 09. #Kunde
Flugs kam der Kommentar eines gemeinsamen Bekannten:
Isch das Twitterdüütsch was du do zämmekritzlesch? :-D
Git’s do e Wörterbuech for Dummies?
Da fiel uns auf, wie schnell man sich den Gepflogenheiten und Codes der Informationsgesellschaft hingibt und dabei manchmal die Verständlichkeit für Aussenstehende auf der Strecke bleibt. Der “Bekannte” ist nicht mal ein Technologieverweigerer, sondern hat mir und auch Olivia vor Jahren HTML beigebracht.
Heute bei Bluewin.ch gesehen:
Was?! 4 von 10 kiffen?
Ist ja kaum zu glauben! - Aber der Klick auf die Headline gibt den Blick frei auf den ausführlicheren Inhalt: Es sind «zum Glück» nur 4 % (Prozent), also 4 von 100 (Hundert) und zwar weltweit und erst noch ungeachtet von gesundheitlichen Bedenken. Und wie viele sind es, die gesundheitliche Bedenken äussern und trotzdem konsumieren? Kommt man dann auf diese 4 von 10?
Nachdem wir übers Schreiben fürs Web ziemlich viel wissen, kommt die nächste Herausforderung: Schreiben für SMS. Gestern habe ich mich für die Dienstleistungen der Postfinance registriert, bei denen man mit dem Handy z.B. Geld überweisen oder den Kontostand abfragen kann – und zwar per SMS. Nachdem ich ein SMS mit dem Inhalt «Anmelden» an die Nummer 474 geschickt hatte, bekam ich die Antwort mit folgendem Text:
Die Lokalisierung von SugarCRM macht richtig Lust, sie auszuprobieren:

Der ausgehängte Fahrplan der Flughafenbahn “SkyTrain” am Flughafen Düsseldorf sieht wie folgt aus:

Wegen der Spiegelung im Foto abgetippt und leicht gekürzt:
Std. mo bis fr sa so00:00-00:45 Uhr alle 5 min. alle 5 min. alle 5 min.03:45-00:00 Uhr alle 5 min. alle 5 min. alle 5 min.
Datenmenge: 129 Byte
So kommt halt es raus, wenn man partout ein einheitliches Raster durchzieht. Dieselbe Information könnte man auch anders unterbringen:
Std. täglich03:45 - 00:45 Uhr alle 5 min.
Datenmenge: 34 Byte, also 73% weniger.
Bei der Zeit zum Erfassen der relevanten Information (“immer Fünfminutentakt”) dürfte das Verhältnis noch etwas krasser ausfallen.
Die warmen Temperaturen haben Google zu einer neuen Funktion inspiriert: zeigt einem der Link das nächstgelegene Fenster?
Fehlt nur noch der Befehl “window.open();”…

gesehen im Online Shop bei Google…
“Usability” ist ein schwieriges Wort, wie wir schon gesehen haben.
Und hier kommt die Variante von Crealogix:

Soeben bei meiner Kollegin Ina eingegangen und von ihr an alle bei Zeix weitergeleitet.
– Forwarded by Ina Hedwiger/Zeix/CH on 09.05.2006 16:59 –
info@xxxxxxxx.ch 09.05.2006 16:56
Sehr geehrte Frau Hedwiger,
die Orbit-iEX’06 findet am 16. bis 19. Mai in Zürich statt.
Wir präsentieren Möglichkeiten
- zum Messen der Zufriedenheit der Kunden
- zum Prüfen von Pflichenhefen
- zum Erheben von Kundenbedürfnissen
- für Useability
Wo sind wir zu finden? in Halle X Stand XX
Ein Klick auf den untenstehenden Link führt zu der kleinen Befragung, bis hin zu Informationen, Besprechungstermin oder auch zu der Eintrittskarte.
http://xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
Wir freuen uns
XXXXXXXXX AG
XXXXXXX XXXXXX
(Die X’e sind von mir, wir machen kein öffentliches Bashing. Ist ohnehin keine Firma, die ich als Konkurrenten ansehen würde, sie machen nicht “klassische” Usability, sondern wenden andere Methoden an.)
“Pflichenhefen”? “Useability”?
Wie ernst kann man einen Dienstleister nehmen, der in 15 Zeilen Mail drei Tippfehler einbaut, davon zwei in einem Wort; und beim zweiten Wort muss man vermuten, dass es nicht mal ein Tippfehler ist?
“Useability” ist nämlich ein sehr beliebter Schreibfehler, wie 575’000 Google-Treffer zeigen.
Zwar geht es uns manchmal ansatzweise auf die Nerven, dass plötzlich jeder mit Usability wirbt, aber solche Mails finden wir nicht so schlimm. Oder anders gesagt: Liebe Kunden, kommt zu uns, wir wissen zumindest, wie man unser Gebiet buchstabiert. ;-)
Wer von irgendwas zurücktritt, sollte unbedingt seine ablaufende “Mission” als “completed” oder “accomplished” beschreiben, egal ob man CEO eines Webdienstleisters war oder Zürcher Regierungsrat.
Ich hab ja nicht gedient, aber irgendwie habe ich das Gefühl, “mission accomplished” klingt noch etwas militärisch-authentischer als “mission completed”, oder? Hat auch bei Google über 3 Millionen Treffer gegenüber 100’000. Wobei ich natürlich der Zürcher FDP-Parteiführung nicht absprechen will, dass sie in dieser Militaria-Materie sprachlich voll drin ist.
Der neue WM-Ball wurde gestern bei der Auslosung ja unverhohlen gehyped.
Dass er “Teamgeist” heisst, ein deutsches Wort, das angeblich auch die Englischsprachigen verstehen, wegen “Zeitgeist” und “Poltergeist” (ich werde mal einen Test machen — auch wenn Zeitgeist in den einschlägigen Listen von deutschen Wörtern im Englischen immer drin ist, ich würde nicht drauf wetten, dass es alle verstehen, vielleicht nur die Leser vom New York Magazine), finde ich eine ganz nette Idee. BILDBlog macht sich noch darüber lustig, dass die “BILD” es irgendwie mit den Farben nicht auf die Reihe kriegt. Nein, schwarz-rot-gold sieht er wirklich nicht aus.
Lustig ist auch der offizielle FIFA-Nachrichten-Text über den offiziellen Ball, der auf der offiziellen WM-Site fifaworldcup.yahoo.com steht. Die Site ist durchgängig siebensprachig.
Auf Englisch liest sich die Nachricht so:
(…)
The name focuses on football as a pure sporting activity. The German word Teamgeist – team spirit in English – homes in on the single indispensable attribute a side must possess if they are to stand any chance of hoisting the golden trophy.
Auf Französisch:
adidas+TeamgeistTM – Le ballon officiel de la Coupe du Monde de la FIFA 2006
(…)
Le nom évoque les valeurs incarnées par le football. Ainsi, le mot allemand Teamgeist, en français “esprit d’équipe”, symbolise parfaitement tous les aspects de ce sport. L’esprit d’équipe est une qualité indispensable à une formation qui souhaite soulever le trophée à la fin de la compétition!
Aber am besten gefällt mir Deutsch:
adidas+Teamgeist™ – der offizielle Ball der FIFA WM 2006™
(…)
Beim Namen stand ganz der Fussballsport im Mittelpunkt. So beinhaltet das deutsche Wort Teamgeist – was übersetzt „Teamspirit“ bedeutet, alle Aspekte des Fussballspiels. Teamgeist ist die wohl wichtigste Eigenschaft, die jede Mannschaft besitzen muss, um am Ende den goldenen Pokal den eigenen Fans präsentieren zu können!
Was lernen wir?
1. Der Webmaster für den englischen Text ist entweder ein Nonkonformist oder von Nike geschmiert; jedenfalls lässt er die lange zweite Hälfte der Überschrift und die ganzen “Trademarks” einfach weg. Vielleicht nur, weil er kurze Überschriften mag, was sehr zu unterstützen wäre.
2. Der für den französischen Teil zuständige Webmaster ist nicht in der Lage, ein “TM” korrekt als das Zeichen ™ (ANSI-Code 153) darzustellen, dabei könnte er es einfach von den anderen Sprachen rüberkopieren, wenn er in Windows die Tastenkombination nicht findet. Nicht schlimm, aber doch etwas schlapp.
3. “Das deutsche Wort Teamgeist heisst übersetzt Teamspirit.”
So so. Vermutlich war die Mastersprache aller Dokumente Englisch, und dann ist es beim Übersetzen ins Deutsche stehen geblieben; dort hätte der Übersetzer einfach nur den Einschub weglassen müssen. Ich sehe immer wieder Beispiele, wo Übersetzer nicht in der Lage sind, den Inhalt des übersetzten Textes zu berücksichtigen – was ich nicht begreife, denn sie sollten ja verstehen, was sie da übersetzen, im Gegensatz zu Babelfish. Strengt Euch an, Leute, sonst braucht man Euch irgendwann nicht mehr.
4. Das schlimmste: Die Sprachumschaltung funktioniert nicht je Seite. Wer die Meldung auf Deutsch liest und auf Englisch umschalten will, beginnt wieder auf der Homepage und muss sich neu durchhangeln. Diese Regel ist wohl so selbstverständlich, dass Jürg sie neulich im namics-Blog gar nicht in seine Liste aufgenommen hat. Ich vermute aufgrund einschlägiger Erfahrung folgendes: Die FIFA/Yahoo-Leute haben das mal in einer Sitzung diskutiert, und weil ein gewisser Prozentsatz der Seiten nicht in allen Sprachen zur Verfügung steht (bei kurzem Absurfen sah es allerdings so aus, als seien die x Nachrichten von gestern in allen Sprachversionen vorhanden), haben sie gesagt: “Eh wir irgendwo Probleme kriegen, weil es mal eine Seite in Koreanisch nicht geben könnte, verlinken wir lieber konsequent die Homepage.” Typisch Informatiker. Überlegen sich alle Eventualitäten, einigen sich dann schnell mal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und klopfen sich noch auf die Schulter für ihre kleingeistige Voraussicht.
Richtig wäre gewesen, das CMS so zu bauen, dass die Sprachversionen jeweils “nebeneinander” liegen und der User hin- und herschalten kann, ausser wenn es die parallele Version in einer anderen Sprache nicht gibt, dann kommt man eben auf die Homepage.
Oder noch besser wäre wohl eine Meldung “Sorry, die aktuelle Seite ist auf Deutsch nicht vorhanden, was möchten Sie nun tun? 1. zurück, 2. zur deutschen Startseite, 3. in deutschen Seiten suchen (Suchfeld/Button).” Oder so ähnlich.
Wie immer bei der Sprachumschaltung, man weiss nicht ganz sicher, was die optimale Variante ist, aber man sieht fast immer solche, die es sicher nicht sind, so auch hier wieder.