Agentur für User-Centered Design
Horx sagt, er redet nicht über Web 2.0, weil er sonst Gefahr laufen würde, seine Folien von 1999 wieder rauszuholen. Richtig ist: weil er vermutlich überall das gleiche erzählt, unabhängig davon, was das eigentliche Thema ist.
Horx redet schnell und hat natürlich für seine 45 Minuten 90 Folien, so dass man kaum alles mitnehmen kann. Ich beschränke mich auf einige Highlights aus der Mitte. Da es nichts mit Web 2.0 zu tun hat, kann man zum Glück auch nichts verpassen.
Floppologie: Was alles nicht funktionierte.

Automatisches Lernen: Die “Sprachlabore” der Siebziger waren toll, für die Kinder, weil man auch Musikcassetten reinschmuggeln konnte – und für die Hausmeister, weil sie das Labor hinterher prima als Abstellraum nutzen konnten.
4 Sorten von Flops:
Hypes:
Segway: Der grosse Feind des Segway ist der Bürgersteig. Wenn alle Segway fahren wollten, müsste man alle Bürgersteige abbauen – Investitionsvolumen: 300 Milliarden Dollar.
Warum ist Bildtelefonie Unsinn (hurra! was ich immer sage – es gibt keinen gescheiten Use Case, behaupte ich jeweils, jetzt endlich vom Guru erklärt!):
Manche Flien wären es vielleicht wert, länger darüber zu reden, etwa diese, aber Horx sagt zu jeder nur einen Satz, gern auch mal “Sie kennen das ja, Different Place, different Time”:
Huch, direkt nach der Evolution des Rasierers (“bei der derzeitigen Innovationsgeschwindigkeit müsste man in fünf Jahren 18 Klingen haben”) kommt plötzlich was über E-Mail-Etiquette:
Wo wir schon mal bei online sind, eine Statistik zur Internetnutzung — “endlich mal eine, die nicht von den Telekommunikationsfirmen erstellt wurde, sondern von der Forschungsgruppe Wahlen” (ich habe andere Studien auch recht neutral gefunden, etwa den Nonliner-Atlas): “40% der Leute sind offline und wollen auch nicht.” Die Nutzung korrelliert direkt mit der Bildung.
Zitat: Ich bin begeisterter Videospieler. Seine Söhne, 9 und 13, haben diesen rasend schnellen Daumen. Ist das ein Fortpflanzungsvorteil? Wird man eines Tages zu seiner Freundin sagen können, “ich habe einen schnellen Daumen”, und dann wird man grössere Chancen haben oder ein höheres Einkommen?
Inzwischen erkenne ich überhaupt keine Logik mehr in der Abfolge der Folien, aber ein paar nette Sachen sind immer wieder dabei.
Zitat: Der iPod wird nur zwei Jahre überlegen, weil dann die Handys die Funktion übernehmen.
Am Ende kommt noch was zur Evoluation des Handys und zur “Mobilen Kommunikation der Zukunft” (das ist das gute an diesen Zukunftsforschern, sie sagen erst, wie schlecht die Prognosen der Vergangenheit waren, aber bei ihren eigenen Prognosen machen sie keine Fussnote, dass es vielleicht auch anders kommen könnte).
Am Ende merkt er wohl, dass er schon 15 Minuten überzogen hat, öffnet er schnell sein Keynote, schiebt ein paar Folien rum (Pluspunkt, dass er keinen Assi für sowas mitgebracht hat), und dann ist es auch schnell zu Ende:
Wie hiess das noch bei Marcel Reich-Ranicki immer, Zitat von Brecht, glaub: “Und wieder sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.” Aber macht ja nichts.

(Sorry für die schlechten Fotos, ich hab extra die Nikon mitgenommen, aber der Blitz reicht nicht bis ganz vorn, und ich muss ganz hinten sitzen wegen der Steckdose.)
Ahlers erzählt von seinem Studium in Hamburg, bei dem damals 1200 Leute gleichzeitig angefangen haben. Damals war das eine riesige, unübersichtliche Masse von Leuten – heute ist das eine Online-Community, wo man erstmal online schaut, wer kommt denn aus meiner Gegend.
Ahlers war vorher bei Axel Springer. Die Bild-Zeitung ist in Deutschland nur so gross geworden, weil sie es geschafft hat, an 110’000 Verkaufsstellen zu kommen und gleichzeitig verhindern konnte, dass andere Boulevardzeitungen auch dorthin kommen.
Ahlers kennt offenbar Lars Hinrichs und freut sich, dass er auch noch kommt openBC macht mit 10 Millionen Usern 15 Millionen Euro Umsatz, sagt Ahlers. So weit ich weiss, veröffentlicht openBC diese Zahlen gar nicht.
Er hatte 15 Minuten lang eine Folie offen, die er nicht einmal erwähnt. Sehr sympathisch, war eh zu akademisch. :-)
Emfehlungscharakter von Nutzern hat die höchste Glaubwürdigkeit. Empfehlungen von Nutzern sind wichtiger als die von Redakteuren. Bei Amazon, eBay und Expedia sind die Empfehlungen anderer User das wichtigste Kaufkriterium.
Spreadshirt: Konzept des Gründers am Anfang war aus der Note eine Tugend gemacht: Ein T-Shirt kostete bei Spreadshirt 18 Euro, wenn man es aber über das Shoppingtool von der eigenen Website aus bestellte, nur 12 Euro. Resultat: 180’000 Websites, auf denen das Shopping-Tool von Spreadshirt installiert ist.
Regel beim Einstellen der User von Inhalten: Der Nutzen des Einstellens muss höher sein als die wahrgenommenen Kosten. (Sehr einverstanden!)
AOL hatte vor 22 Jahren Communities, ist dann zu Access gewechselt und konzentriert sich jeder wieder auf die Communities (nachdem sie das Access-Geschäft ziemlich zugrunde gerichtet haben, was er nicht sagt). AIM ist der weitaus grösste Instant Messenger.
AIM-Pages, der myspace-Killer.
Long Tail: Bei amazon wird die Marge nicht mehr mit der Top Ten gemacht, sondern mit der Backlist
Das gleiche gilt für Musik: Wenn heute jemand ein Musikstück findet, das 20 Jahre alt ist, ist er bereit, dafür 3 bis 4 Euro auszugeben — viel weniger als für ein Stück aus den Charts.
Werbung und Web 2.0: Beispiel für die Passat-Kampagne von VW in den USA, einige Videos als Beispiel.
Fazit: Kein super roter Faden, aber trotzdem sicher ein paar interessante Erkenntnisse, und sehr unterhaltsam vorgetragen. So wird das gemacht.
Markus Niewerth von T-Online ist ein Beispiel, wie man an sich gute und teilweise auch originelle Inhalte durch eine schlimme Präsentation abtöten kann. Er zählt zahllose Web-2.0-Beispiele auf (Flickr, Writely, iRows; Craigslist ohne Mashup vs. Craigslist-Daten mit housingmaps) — ohne den Beamer zu nutzen, d.h. ohne irgendwas zu zeigen, sondern alles nur verbal umschrieben.
Interessante Zahl: T-Online hat in Deutschland 1 Million Blackberrys online.
Gutes Zitat: “Die Philosophie erfreut sich ihrer völligen Nutzlosigkeit” (Plato) “Das trifft auch auf viele Blogs zu.”
Er vergleicht die “Mashups” von Modern Talking (aus zwei alten Hits mach einen neuen) mit Web 2.0. Die Folien würden einem geradezu zufliegen. Leider hat er sie nicht gemacht. Keine Ahnung, ob Obermann sie gemacht hätte. So war es leider verschenkte Zeit.
Miriam Meckel erzählt, was Web 2.0 ist. Not a system, but a state of mind. Definition von Wikipedia, Tim O’Reilly, Meme Map. Dem geneigten Leser dieses Blogs wohl alles bekannt.
Am Ende zeigt sie eine recht bekannte Karikatur, die aber immer noch gut ist:

Am Ende ihrer Einführung die erste Enttäuschung: René Obermann konnte nicht kommen, sondern “hat ganz kurzfristig abgesagt, weil T-Mobile einige Firmen gekauft hat, die man jetzt schnell integrieren muss — ich glaube, dafür haben wir alle Verständnis”.
Ich nicht. Vor allem, weil er durch irgendeinen Strategietypen (weil er keine Folien hat, weiss ich nicht mal den Namen) vertreten wird, der seine Rede komplett abliest, so dass sie rüberkommt wie eine langweilige Predigt. Der hat vermutlich kein Post verdient.
Bin beim mcmforum an der Uni St.Gallen.
Der Lineup der Referenten laut Programm verspricht recht interessant zu werden.
Referenten und Diskussionsteilnehmer, wegen der ich hier bin: René Obermann (Chef T-Mobile), Klaus Eck (PR-Blogger), Stefan Keuchel (Head of PR Google Deutschland), Michael Maier (Chefredakteur Netzeitung), Ibrahim Evsan (Sevenload GmbH, Geschäftsführer).
Die Liste der Gäste und Firmen, die nicht Referenten sind, ist auch noch ganz illuster (nicht nach Prominenz ausgewählt, sondern auch nach Beziehung zum Autor):
… und diverse GL-Mitglieder von Verlagshäusern etc. Viel Old Economy, die offenbar mal gucken will, was das mit diesem Web 2.0so macht.
Gerade kommt Matthias Horx, Trendforscher, rein, und macht einen Beamercheck mit seinem Mac Book. Pluspunkt für ihn. Sagt gleichzeitig lässig: “Wenn der Beamer nicht älter ist als von 1833, sollte es natürlich funktionieren.” Minuspunkt. Läuft rum und sucht einen Sitzplatz mit Stromanschluss. Pluspunkt. Ich glaube, ich spare mir das abschliessende Urteil bis zu seinem Referat.
Die erste gute Idee zum Klauen hab ich schon gefunden, auch wenn sie nichts mit Web 2.0 zu tun hat: Als Begrüssungsbild nicht ein Powerpoint-Slide machen, und wenn man es dann zumacht, um ein anderes Powerpoint zu suchen, sehen alle den unaufgeräumten Desktop – sondern einen leeren Desktop mit gebrandetem Hintergrund und den Präsentationen in sauber verteilten Ordern. OK, interessiert keinen, aber auch egal.

Los geht’s.
Am Wochenende haben sich in Berlin die europäischen Informationsarchitekten getroffen und zwei Zeixies (Andreas und ich) waren dabei. Hier unsere Eindrücke.

«Informationsarchitekten» nennen sich Vertreter unterschiedlicher Berufsgruppen, die es mit dem Informationsüberfluss des Webs aufnehmen, «aufräumen» und Inhalte auffindbar machen. Und das – meistens zumindest – unter frühzeitigem Einbezug der User der jeweiligen Website oder Applikation: hier eine etwas akademischere Definition.
Bei einer Community, die nach eigenen Angaben hauptsächlich aus Bibliothekaren besteht, könnte man ja an ein etwas «verstaubtes» Grüppchen denken – weit gefehlt. Vielmehr haben wir top engagierte Teilnehmer verschiedenster Alter und Berufsbilder vorgefunden (… letztere inklusive Ökonomen, Künstlern, Biologen usw.)
Insgesamt kamen knapp 200 Leute aus 16 Ländern : die «Top 4» der vertretenen Nationalitäten Grossbritannien, gefolgt von Deutschland (mit Heimvorteil), Dänemark (für Bibliothekare sowas wie das «Silicon Valley» hab ich mir sagen lassen) und auf Platz 4 Italien. Wir beiden Zeixies stellten übrigens die halbe Schweizer Delegation, die – ganz multikulti – aus 1.5 Schweizern, 1 Deutsche, 0.5 Franzosen und 1 US-Amerikaner bestand.
Thematisch war das ganze eine spannende Mischung: Peter Morville, einer der «Väter» des Tätigkeitsfelds Informationsarchitektur, stellte in seiner Keynote die Wichtigkeit der Suchfunktionen für die User Experience heraus, da sie eine bedeutende Lernquelle für den Knowledge Worker bilden wird und u.a. ganz neue Kommunikationsanforderungen für Marketing-Fachleute beinhaltet. Auch im nächsten Vortrag zu den Trends für Informationsarchitekturen ging es teils darum, dass die Site-Suche bzw. die schnelle Wiederauffindbarkeit von Inhalten über den Zugang «Suche» wichtiger wird. (diese Betonung der Suchfunktion gleich zum Auftakt der internationalen Konferenz freute uns besonders, organisieren wir doch gemeinsam mit namics in Kürze die passende Fachtagung zum Thema.)
Weitere Themen reichten von (Web-)Strategie und Marketing (z.B. wie kann die Architektur Kaufprozesse unterstützen), die Übertragbarkeit von Navigationskonzepten auf andere Ausgabegeräte als PCs, Verfahren zur Identifikation zentraler Nutzergruppen von Websites (und deren Kaufgewohnheiten) bis hin zu technischen Fragestellungen zum effizienten Prototyping oder zur konsequenteren Trennung von Content- und Gestaltungselementen (und damit mehr Accessibility). Es war also für alle vertretenen Berufsfelder etwas dabei.
Fazit: Uns beiden hat es super gefallen und wir haben den Termin der nächsten Konferenz in Europa schon vorgemerkt: 29./30. September 2007 in Barcelona.
… Und für die rechte Gehirnhälfte gehts hier noch zur Fotostrecke.
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