Agentur für User-Centered Design
Hier mit etwas Verspätung noch eine kurze Zusammenfassung vom vierten und letzten Tag der Mensch & Computer.
In der Session “UCD & SW-Entwicklung” schilderten Usability Experten aus verschiedenen Firmen Ihre Erfahrungen bei der Integration von User-Centered Design in den Entwicklungsprozess ihrer Unternehmen. Die Berichte decken sich weitgehend mit den Erfahrungen von Zeix: Die Management-Awareness fehlt über weite Strecken und frühzeitiger Einbezug von Usability-Experten in den Entwicklungsprozess ist zwar erfahrungsgemäss sehr wichtig, wird aber noch allzu oft unterlassen. In den bestehenden, standardisierten Vorgehensmodellen für die Software-Entwicklung wird Usability zwar gelegentlich erwähnt, ist aber nirgendwo explizit vorgeschrieben. Messbare Usability-Ziele werden so nur selten zu einem Bestandteil der Anforderungskataloge. So bleibt den Usability Experten eigentlich nur der Weg, sich über “Success Stories” bekannt zu machen und so Unterstützung für ihre Positionen zu erhalten und die Integration projektweise zu vollziehen.
Der dritte Tag der Mensch & Computer war etwas weniger ergiebig als die ersten beiden Tage. Dennoch waren einige Sessions von besonderem Interesse für mich.
Am Morgen berichtete Michael Sengspiel über die Entwicklung der “computer literacy scale for older adults (CLS)”, einem standardisierten Verfahren zur Messung von Erfahrung und Wissen über den Umgang mit Computern. Die Skala ist zumindest vorläufig nur für ältere Menschen geeignet, da die Fragebogen-Items für jüngere Nutzer zu leicht sind. Sie ist aber ausdrücklich unabhängig von der Erfahrung der Nutzer mit bestimmten Betriebssystemen oder Programmen. Die Skala wurde u.a. anhand eines Usability Tests von Fahrkartenautomaten der Berliner Verkehrsbetriebe validiert. Die Punktzahl im Wissensteil konnte die Erfolgsquote einer Testperson schon relativ genau vorhersagen. Die Skala soll nun erweitert werden, damit sie auch für jüngere Menschen verwendet werden kann. Der Fragebogen ist unter computer-literacy.net frei verfügbar.
Anschliessend zeigte Gerhard Weber ein System, mit dem elektronische Fahrplananzeigen auch behinderten Menschen zugänglich gemacht werden. Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen haben unterschiedliche Bedürfnisse. So können Sehbehinderte weder gedruckte Fahrpläne noch elektronische Anzeigen wahrnehmen, während Hörbehinderte keine Lautsprecherdurchsagen hören können. Mobilitätsbehinderte wiederum möchten z.B. wissen, ob und wann ein Niederflurfahrzeug kommt. Um die verschiedenen Bedürfnisse zu befriedigen, wurde eine Applikation für Mobiltelefone entwickelt, welche die entsprechenden Informationen in verschiedenen Modalitäten ausgeben kann. Neben der Fernabfrage ist es zudem möglich, über Bluetooth den aktuellen Standort der Person zu orten und aktuelle Informationen über Verspätungen oder Ausfälle durchzugeben.
Am Nachmittag besuchte ich dann eine Session, in der Dennis Krannich ein System namens “ripcord” vorstellte, mit dem Usability Tests von mobilen Applikationen im Feld durchgeführt werden können. Tests mit mobilen Endgeräten stellen uns vor grosse praktische Herausforderungen – einerseits bei der (Video-)Aufzeichnung der Tests und andererseits bei der Berücksichtigung des realen Nutzungskontexts. “ripcord” ist ein Prototyp einer Client-Server Architektur, die auf verschiedenen Endgeräten mit unterschiedlichen Betriebsystemen läuft. Die Server-Software läuft auf einem Mac-Mini, der in einer Umhängetasche mitgetragen werden kann. Erste Versuche mit der Software sehen vielversprechend aus, aber von einem produktiven Einsatz kann derzeit noch keine Rede sein. Ich werde die zukünftige Entwicklung dieser Software aber sicher weiterverfolgen.
Heute war der zweite Tag der Mensch & Computer 2008, die parallel zu den Fachtagungen “Usability Professionals 2008″ und “DeLFI 2008″ (Deutsche e-Learning Fachtagung Informatik) im gleichen Haus stattfindet. Da die Anmeldung für alle drei Tagungen gilt, kann man je nach Interesse zwischen den Veranstaltungen aus den drei Bereichen wählen. Hier ein kurzer Bericht über die interessantesten Veranstaltungen des Tages.
Am Morgen fand zuerst eine Keynote von Professor Schulmeister von der Uni Hamburg statt. Er wiederlegte den Mythos, dass die heutigen Jugendlichen der sogenannten “Net Generation” angehören, wie dies oft in den Medien kolportiert und mit entsprechenden Zuschreibungen ergänzt wird. Seine Untersuchungen kommen zum Schluss, dass die klassischen Medien – insbesondere TV – nach wie vor die dominante Rolle spielen. Auf Platz 2 folgt dann die Nutzung von MP3-Playern. Am wichtigsten ist den heutigen Jugendlichen aber nach wie vor der Austausch mit der Peergroup, welcher aber zunehmend auch über neue Medien, insbesondere Instant Messaging und SMS stattfindet.
Anschliessend besuchte ich eine Session zum Thema “Jenseits von Usability”. Einer der Referenten – Marc Hassenzahl – hat eine Skala zur Messung der User Experience von Produkten entwickelt. Aufgrund seiner Studien kommt er zum Schluss, dass die User Experience aus zwei Faktoren besteht: der pragmatischen Qualität und der hedonischen Qualität. Er hat ein entsprechendes Messinstrument entwickelt, welches unter attrakdiff.de zur Verfügung steht. Der Ansatz sieht vielversprechend aus und ich werde mir die Sache nach der Konferenz sicher noch genauer ansehen.
Am Nachmittag waren zwei Vorträge besonders interessant. Ronald Hartwig von UID berichtete, wie UID seine Kunden beim Aufbau interner Usability-Prozesse unterstützt. Es ist ja für einen Usability-Dienstleister nicht unproblematisch, wenn er seine Kunden dazu bringt, die Dienstleistungen die sie bisher bei ihm eingekauft haben, nun selber intern zu erbringen. Dennoch sieht Hartwig Vorteile für beide Seiten, weil der Kunde im Wesentlichen nur die einfacheren Dinge wie Testing selber durchführt, während der Dienstleister sich auf Konzeption, Beratung und Coaching konzentrieren kann. Ausserdem hat der Dienstleister nach wie vor einen grossen Erfahrungsvorsprung, den er bei Konzeption und Coaching einbringen kann, während die Entwickler selber Usability-Tests durchführen können und dabei viel über die konkrete Nutzung ihres Systems lernen.
Anschliessend berichtete Nicole Oberg von Phaydon über den Einsatz von ethnografischen Methoden bei der Erhebung der User Experience. Phaydon verwendet Methoden aus dem Bereich der fokussierten Ethnographie, um den Kontext und die Art der Nutzung bestimmter Produkte im natürlichen Umfeld der Konsumenten zu erfassen, was bei klassischen Labor-Untersuchungen oder Interviews weniger gut möglich ist. Auch auf diese Methoden werde ich bestimmt noch einen nähereren Blick werfen.
Am Abend fand dann eine Veranstaltung in den Lübecker Media Docks statt, wo man sich in ungezwungener Atmosphäre mit den Kolleginnen und Kollegen unterhalten konnte. Dort habe ich unter anderem auch unsere Kumpels von usability.de wieder getroffen, die wir an der CeBIT 2008 als Standnachbaren hatten.
Ich befinde mich zur Zeit an der Tagung Mensch & Computer 2008, welche dieses Jahr in der Hansestadt Lübeck stattfindet. Los ging es gestern Sonntag mit einer Reihe von Tutorials, von denen ich drei besuchen konnte.
Im Tutorial “Mein System benutz’ ich nicht: Ein praxisorientierter Ansatz, Nutzerakzeptanz zu messen und zu verbessern” stellte der Referent – Henning Breu von der Firma Daimler – ein selbstentwickeltes Modell zur Erklärung der “User Acceptance” eines Systems vor, welches auf folgenden vier Faktoren beruht.
Wie sich diese Faktoren konkret ausprägen, ist abhängig von der Rolle, welche die betreffenden User im Business-Prozess wahrnehmen. Verschiedene Stakeholder kommen dabei zu unterschiedlichen Wahrnehmungen. In einer Gruppenarbeit wurde anschliessend versucht, anhand eines vorgegebenen Szenarios die Akzeptanz für ein 3D-CAD System in verschiedenen Nutzergruppen vorherzusagen. Die einzelnen Gruppen mussten dabei die Sicht dieser Nutzergruppen einnehmen, mögliche Argumente aufzählen und diese kategorisieren. Laut dem Referenten gelang es den Gruppen, in der zur Verfügung stehenden kurzen Zeit alle wesentlichen Punkte aufzuzählen, die auch im real durchgeführten Projekt von den Betroffenen genannt wurden. Dennoch ist es äusserst wichtig, die effektiven Nutzergruppen zu den entsprechenden Projekten zu befragen und sie durch ihre Teilnahme in den Prozess zu integrieren – d.h. sie “abzuholen”, wie man bei uns in der Schweiz sagt.
Auf die konkrete Messung und Verbesserung der Nutzerakzeptanz, die eigentlich – laut dem Veranstaltungstitel – das Thema gewesen wäre, ging der Referent leider nicht näher ein.
1x denken? Das macht dann 1,35 Sekunden.
Im nächsten Tutorial ging es um “Kognitive Modellierung in der Konzeption und Evaluation von Softwareprodukten”. Drei Herren von SAP stellten Tools und Verfahren vor, mit denen der zeitliche und kognitive Aufwand bei der Nutzung eines User Interfaces vorhergesagt werden soll. Das Verfahren besteht darin, die Interaktion mit einem bestimmten User Interface in seine atomaren Einheiten – Tastendrücke, Klicks, Positionierung des Mauszeigers usw. – zu zerlegen. Anschliessend kann aufgrund von im Labor ermittelten Durchschnittszeiten vorhergesagt werden, wie lange es dauert, eine bestimmte Aufgabe mit einem bestimmten User Interface zu lösen. Dadurch soll z.B. ermöglicht werden, verschiedene Designvarianten miteinander zu vergleichen und das ohne dass man einen einzigen User vor das Interface setzen muss.
Dieses Modell erfordert aber, dass die Interaktion mit dem User Interface auf eine ganz bestimmte Art und Weise erfolgt. Dass verschiedene User möglicherweise eine andere Reihenfolge wählen, ist nicht vorgesehen. Die Sequenz der einzelnen Interaktionen wird genau vorgegeben und für (unterschiedliche) kognitive Operationen wird einfach eine Durchschnittszeit von 1.35 Sekunden veranschlagt. Meines Erachtens ist es daher nicht angemessen, dies als kognitive Modellierung zu bezeichnen, denn gerade die Kognitionswissenschaften zeichnen sich eigentlich dadurch aus, dass Denkprozesse nicht einfach als Blackbox angesehen werden, die man pauschal abrechnen kann.
Das Verfahren eignet sich meiner Meinung nach höchstens für Masken, die wirklich auf eine bestimmte Art und Weise und immer in der gleichen Reihenfolge ausgefüllt werden, z.B. Formulare.
Prototypen als Bestandteile einer User Interface Spezifikation
Im dritten, sehr lebendig vorgetragenen Workshop ging es um “Methoden, Notationen und Werkzeuge zur Übersetzung von Anforderungen in User Interface Spezifikationen”. Der erste Referent Thomas Geis schilderte auf anschauliche Art und Weise, wie er in der Praxis die Anforderungen an ein Software-System ermittelt, ohne dabei auf formalistische Methoden, Diagramme etc. zurückzugreifen und stattdessen aus Kontextinformationen Nutzungsszenarien und Nutzungsanforderungen ableitet. Sein Koreferent Thomas Memmel sprach anschliessend über die Notwendigkeit, die oft sehr ausführlichen textuellen Anforderungsspezifikationen durch visuelle Prototypen zu ergänzen – was wir bei Zeix unseren Kunden ja regelmässig empfehlen. Er stellte zudem den selbst entwickelten Prototyp einer Software vor, die es erlaubt, auf einfache Art interaktive Prototypen zu erstellen – wie dies z.B. mit aktuellen Tools wie iRise und Axure möglich ist – und zugleich die für die Entwicklung erforderlichen Dokumente (z.B. Spezifikationen, Mockups, Design-Varianten etc.) zu integrieren.
Alles in allem war es ein eher ruhiger Start. Am Montag werden wesentlich mehr Veranstaltungen stattfinden und ich tue mich schon jetzt schwer mit der Auswahl. Mehr dazu folgt morgen.