Agentur für Usability und User Education
Wieder einmal war ich wandern. Diesmal zog es mich in den Schweizer Nationalpark. Dieser bietet den einzigen (mir bekannten) Location-based Service der Schweiz an:
Gegen eine Gebühr von CHF 5.00 pro Tag kann ein mit einer speziellen Software ausgerüstetes Smartphone von HP gemietet werden. Alle offiziellen Wanderrouten des Nationalparks sind darauf gespeichert und der Wanderer erhält aufgrund seiner GPS-Position ortsbezogene Informationen. Details über den Service und den Instruktionsfilm findet man auf der Website des Schweizer Nationalparks (unter «Aktuelles» > «Interaktiv» > «Interaktiver Wanderführer»).
Das zur Verfügung gestellte Gerät (Das Foto habe ich mir ausgeliehen von der Website des Schweizer Nationalparks)
Ich hole also das Gerät im Nationalpark-Zentrum in Zernez ab. Weil ich keine Ahnung habe wie es funktioniert, frage ich bei der Angestellten nach einer kurzen Anleitung, die ich mitnehmen und im Bus zum Ausgangsort lesen könnte. Eine solche Anleitung gibt es aber nicht - stattdessen werde ich auf den Instruktionsfilm verwiesen, den ich mir auf einem bereit stehenden Bildschirm anschauen könne. Dafür habe ich aber keine Zeit, da ich ja den Bus erwischen muss. Auch das Hilfe-Menü auf dem Gerät hilft mir nicht weiter: Punkt 1 zeigt mir, wo der Reset-Button ist, falls gar nichts mehr läuft (schöne Aussichten!), Punkt 2 wie ich ins Hauptmenü komme und Punkt 3 führt direkt ins Hauptmenü. Urteil: Ein schlechteres Hilfe-Menü habe ich noch nie gesehen. Zumindest eine kurze Anleitung über die ersten Schritte hätte ich erwartet. Und aus welchem Grund gibt es den Instruktionsfilm auf dem Web, aber nicht auf dem Super-HP-Smartphone?
Ich klicke mich durch das eigentlich übersichtliche Menü, das sich auf sechs Punkte beschränkt. Ich finde einige nützliche Dinge: die Karte, die mir anzeigt, wo ich mich befinde, einen Bestimmungsschlüssel für Blumen (cool!) und die Busabfahrtszeiten. Immer noch ahnungslos, wie das Ganze nun funktioniert, beschliesse ich, einfach mal zum Ausgangsort meiner Wanderung zu fahren und abzuwarten, was passiert.
Kaum auf dem Wanderweg, höre ich ein verhaltenes «Guu-guu» und während ich mich frage, auf welchem Baum der Kuckuck sitzt, realisiere ich, dass dies der Hinweis-Ton für eine ortsbezogene Information ist, die automatisch auf dem Handy-Bildschirm erscheint. Dieses «Guu-guu» begleitet mich nun den ganzen Tag: in relativ kurzen Abständen lerne ich so ziemlich jedes Tier kennen, das im Schweizer Nationalpark keucht und fleucht. Zudem erhalte ich Informationen über landschaftliche Eigenheiten, die mir unterwegs begegnen. Die Informationen sind nicht schlecht. Etwas kurz gehalten vielleicht - an einigen Stellen hätte ich gerne mehr erfahren. Fragen stellen kann ich meinem digitalen Wanderführer leider keine. Ich verstehe jedoch nicht, wieso die Informationen nicht gesprochen werden: ich muss jedes Mal meinen Wanderrhythmus unterbrechen und die klein geschriebenen Sätze auf dem stark reflekierenden Bildschirm lesen. Für Personen mit Sehschwäche absolut ungeeignet. Was hingegen gut ist: ich kann wählen, ob ich die Informationen automatisch angezeigt haben will oder nicht.
Die Funktionalität Blumen zu bestimmen fand ich anfänglich ganz toll: man wählt Farbe, Anzahl Blütenblätter und deren Form, und schon werden Fotos von passenden Exemplaren angezeigt. Leider ist nur in einem von vier Fällen die richtige Blume heraus gekommen. Etwas ungünstig ist sicherlich die Unterscheidung zwischen 4 verschiedenen rosa-lila-Farbtönen. Denn der Handy-Bildschirm vermag diese Nuancen nicht wirklich zu zeigen.
Grundsätzlich finde ich die Idee eines digialen Wanderührers nicht schlecht. Die Technologie ist aber nicht ausgereift: Auf einem Drittel meiner Wanderstrecke funktionierte das GPS nicht, das Gerät stürzte zweimal ab und die Kartenqualität ist so schlecht, dass man sich ohne Wanderweg-Kennzeichnung mit Garantie verlaufen würde. Was ich auch vermisste: Genauere Hinweise auf den Ort, auf den sich die Informationen beziehen. Ein typischer konzeptueller Fehler - unvollständige Kontextualisierung. Zwar habe ich via GPS kontextualisierte Infos – aber ohne wirklichen Bezug zur Umgebung. Ein menschlicher Wanderführer würde mir genau sagen, wohin und wonach ich Ausschau halten muss. Das Gerät, wenn überhaupt, informiert einfach. Den Bezug zur Umgebung muss ich selber herstellen. Da präferiere ich persönlich einen Menschen als Wanderführer.
Kürzlich habe ich auf der Madrisa bei Klosters folgendes Wanderwegschild angetroffen:
Ähnlich wie vermutlich Ihnen beim Anblick dieses Fotos ergeht es täglich unzähligen Usern im Internet: sie haben keine Ahnung, was gemeint ist. Was wird z.B. im mittleren unteren Icon dargestellt: ein windiger Palmenstrand? Rauchende Schornsteine?
Icons («Piktogramme») werden im Internet oft und gerne zur Orientierung oder als Navigationselemente eingesetzt. Ohne Bildunterschriften werden sie jedoch nur schlecht oder oft gar nicht verstanden. Dies liegt in der Natur eines Icons: es hat zwar Ähnlichkeit mit der Realität, muss aber interpretiert werden. Weil Icons selten eindeutig sind und die interpretierenden User unterschiedliche Menschen, werden sie oft missverstanden. Deshalb gilt im Internet: Icons immer mit Text verbinden.
Trotzdem ist der Einsatz von Icons - egal ob im Internet oder auf Wegweisern - nicht per se unnütz. Denn qualitativ hochwertige Icons in durchdachtem Einsatz haben einen hohen Wiedererkennungswert. Gerade entlang eines Wanderwegs oder zur Kennzeichnung eines thematischen Bereichs einer Website leisten sie gute Dienste. Vorausgesetzt, die Bedeutung eines Icons wird gut eingeführt, indem es dem User in Worten erklärt wird. Auf diese Weise wird ihm die anstrendende und fehleranfällige Übersetzungsarbeit abgenommen. Zudem müssen mehrere gleichzeitig eingesetzte Icons klar voneinander unterscheidbar, möglichst eindeutig und einprägsam sein, damit der User die Bedeutung lernen kann.
Das Beispiel des Wegweisers verdeutlicht die Problematik. Denn anders als im Internet kann ich nicht durch Klicken schnell nachschauen, was gemeint ist. Da hätte ich mir wenigstens einen «Mouse-over» gewünscht!
Am 10. Juni war der 2. Accessibility Day, von dem ich voller Eindrücke heimkehrte. Ein zentrales Thema waren die WCAG 2.0-Richtlinien, die im letzten Dezember verabschiedet wurden. Neben wichtigen Konkretisierungen wie beispielsweise, was in welcher Schriftgrösse als ausreichender Farbkontrast gilt, bringen die neuen Richtlinien eine Unabhängigkeit von der eingesetzten Technologie mit sich. Gemäss den alten WCAG-Richtlinien war der Einsatz von Javascript und Flash nur sehr bedingt möglich. Neu ist alles erlaubt, sofern die eingesetzte Applikation und die dargestellten Inhalte für alle …
… sind.
Für uns ist das natürlich hoch interessant, denn schon seit einiger Zeit probieren wir verschiedene Möglichkeiten aus, wie das Benutzererlebnis reicher gestaltet werden kann. Die Zeiten sind vorbei, als sich Interaktion auf Websites darauf beschränkte, einem Link zu folgen oder ein Formular abzuschicken. Doch die Leidtragenden dieser Entwicklung dürfen weder Blinde, die dynamisch nachgeladene Bereiche möglicherweise gar nicht erkennen können, noch ältere Menschen mit zittriger Hand, für die verschachelte Einblendmenus ein unüberwindbares Hindernis sein können, sein. Die Web Accessibility Initiative (WAI) hat darum einen Standard vorgeschlagen, wie mit Javascript angereicherte Websites gut mit unterstützenden Technologien wie etwa Screenreadern «reden» können: Die Richtlinien für Accessible Rich Internet Applications (ARIA) werden demnächst definitv verabschiedet und ermöglichen, dass der Inhalt einer Website mit geeigneten Hilfsmitteln nach den besonderen Bedürfnissen der verschiedenen User aufbereitet wird.
Die neuste Generation von Webbrowsern und Screenreadern unterstützt ARIA schon recht gut und für Firefox gibt es bereits etliche Add-ons, die dynamisch ändernde Regionen (Live Regions) und Hauptbereiche der Website (Document Landmarks) aufspüren. Auch wenn es in absehbarer Zeit noch nötig sein wird, Brücken für die Anwender älterer Webbrowser und assistierender Technologien zu bauen, so spricht (fast) nichts dagegen, ARIA-Attribute schon heute einzusetzen: Falls es nicht nützt, so schadet es wenigstens auch nicht. Der einzige Wermutstropfen ist, dass die ARIA-Attribute als nachträgliche Ergänzung nicht Teil von HTML 4 oder XHTML 1.1 sind und darum auch nicht als «validen Code» gelten. Wer trotzdem nicht auf die Validierung verzichten möchte, kann die ARIA-Attribute nach dem Seitenaufbau per Javascript einfügen.

Seit Anfang Jahr ist das iPhone App von local.ch bei über 80′000 iPhone- und iPod Touch-Besitzern in der Schweiz im Einsatz.
Ab sofort sucht unser langjähriger Kunde local.ch Testerinnen und Tester, die längerfristig bei der Weiterentwicklung der iPhone App mithelfen.
Voraussetzungen:
Was haben Sie davon?
So funktionierts:
Sie wollen mitmachen? So können Sie sich anmelden:
Besten Dank für Ihre Teilnahme!
Möglichkeit 1: über iTunes auf Ihrem Computer
Möglichkeit 2: mit Hilfe eines iApps auf Ihrem iPhone
Erschliessungshilfen wie Suchen und Inhaltsfilter sind allgegenwärtig im Web. Wie man solche konzipiert ein Dauerproblem.
Es gibt auch – entgegen weit verbreiteten Meinungen – keine Patentlösungen. Dagegen viele Einfeldsuche-Verfechter, die meinen, jede Erschliessung lasse sich damit abfangen – Google mache es ja vor. Die User beweisen uns tagtäglich etwas Anderes: Die ideale Erschliessungshilfe ist extrem kontextabhängig. Sehr oft sind geführte Suchen überlegen oder auch nur einfache Inhaltsfilter.
Das gerade letztere von Usern schlecht gesehen werden und ihnen deshalb besondere Sorgfalt im Interaktionsdesign gebührt, zeigt folgendes Beispiel.
Kürzlich hat die Web-Agentur unic ihren eigenen Auftritt erneuert. Voller Stolz haben mir einige Mitarbeitende die neue Website an der Orbit gezeigt. Sie gefällt mir ausgesprochen gut und bestätigt unser ewiges Predigen von Schlichtheit. Die Website verzichtet auf unnötige und peinliche Stimmungsbilder und kommt mit einer übersichtlichen offenen Subnavigation daher. Sehr schön.
Die Referenzen können nach klaren Kriterien selektiert und geordnet (gefiltert) werden – wenn man das als User sieht. Dies ist die absolut richtige Lösung, um die Referenzen zu erschliessen. Deutlich besser als eine Einfeldsuche, wo die User sowieso nicht wissen, nach welchem Kriterium sie suchen müssen. Also hilft man ihnen, indem man die Kriterien vorgibt.
«Hallo – ich bin ein Filter!»
Aber, oh je – Filter darzustellen ist wirklich schwierig. Auch wir mussten schon mit Pfeilen arbeiten, die sagen sollen, «Hallo – ich bin ein Filter! Habt ihr mich schon gesehen?», um die User auf Filter aufmerksam zu machen.
Teaser, um auf den Filter aufmerksam zu machen
Geöffneter Filter
Unterdessen haben wir vieles ausprobiert und getestet und wissen schon deutlich besser, was funktioniert und was nicht. Deshalb unser Geschenk an unic zum gelungenen Redesign:
Unser Vorschlag mit offen gelegten Filterkriterien
Filterkriterien (nach Branchen, Lösungen und Leistungen) sind offen dargelegt, mit interaktiven Elementen und Farben gekennzeichnet. Damit sind sie nicht nur transparent, sondern auch viel auffälliger als ein blosser Link «Filter einblenden» und werden deshalb besser gesehen. Das «Plakat mit Pfeil» wird dadurch überflüssig.
Und dann ist auch noch Mehrfachauswahl möglich – was die User sicher dankbar entgegennehmen:
Unser Vorschlag: Filter mit Mehrfachauswahl.
Gutes Filterle!
Nachdem wir übers Schreiben fürs Web ziemlich viel wissen, kommt die nächste Herausforderung: Schreiben für SMS. Gestern habe ich mich für die Dienstleistungen der Postfinance registriert, bei denen man mit dem Handy z.B. Geld überweisen oder den Kontostand abfragen kann - und zwar per SMS. Nachdem ich ein SMS mit dem Inhalt «Anmelden» an die Nummer 474 geschickt hatte, bekam ich die Antwort mit folgendem Text:
Wie anmelden:
- Postfinance-Card und Kartenleser nehmen
- START + ID/TC-Nr. auf Kartenrückseite an 474 senden. Bsp: START 123xxx789
Also nahm ich meine Postcard und den Kartenleser, den ich für online-Transaktionen bei Postfinance brauche, und starrte das SMS an. Sollte ich die Karte in den Kartenleser schieben? Wie sollte ich diese ominöse Nummer auf der Kartenrückseite lesen können, wenn die Karte im Lesegerät steckt? Ich merkte rasch, dass ich ohnehin auf dem Holzweg war, denn das Lesegerät verlangte eine Eingabe, und ich hatte keine Ahnung, was ich eingeben sollte. Also schaute ich mir halt im Web die PDF-Anleitung an. Da wird bildhaft gezeigt, was man alles braucht:
Ein Stück Papier und einen Stift? Also sollte ich mir tatsächlich die Nummer meiner Karte auf einen Zettel schreiben? Ist das denn sicher?
Doch beim Weiterlesen wurde mir rasch klar, dass der Hinweis auf das Lesegerät nur eine Vorbereitung war und noch nichts mit dem Prozess zu tun hatte. Ich sollte nur ein SMS mit Start und der Nummer auf der Rückseite meiner Postcard abschicken. Das Lesegerät kommt erst danach zum Einsatz. Diese Information aber fehlte im SMS.
Texten für SMS, wo man wenig Platz hat und keine Möglichkeit, hübsche Anleitungen mit Bildern und Kringeln zu machen, ist eine Herausforderung. Doch bin ich mir sicher, dass mit einem klitzekleinen Usability-Test die Hürden rasch erkannt worden wären und hätten behoben werden können.
Voller Vorfreude wollte ich kürzlich für meine Eltern und mich Tickets für ein Konzert im KKL kaufen, sozusagen als verspätetes Weihnachtsgeschenk. Nachdem wir uns überraschend schnell für ein Konzert entschieden hatten, wurde ich auf der Website www.kkl-luzern.ch arg ausgebremst: Ich habe bereits das Konzert ausgewählt. Doch wie um Himmelswillen kann ich die Kategorie und Sitzplätze auswählen? Ich sehe bloss ein Foto des Saales und eine Legende der Kategorien und Preise. Doch die Sitzplätze sehe ich nirgends. Auf der grafisch nicht gerade ansprechenden Seite finde ich auch keine Anleitung, wie es weitergehen soll.
Apropos Ästhetik: Die Website sieht sehr altbacken aus. Jean Nouvel spielte bei der Architektur des KKLs auch mit Kontrasten. Doch soll die altmodisch wirkende Website wirklich im Kontrast zum modernen KKL stehen? Ich bezweifle das.
Nach längerem Lesen und Suchen jedenfalls fahre ich mit der Maus per Zufall über das Foto, welches mir wenigstens im Mouseover anzeigt, wo wie viele leere Sitzplätze im entsprechenden Sektor vorhanden sind. Gemäss dem Prinzip «trial-and-error» klicke ich in das Foto. Und siehe da: Es zeigt mir den Sitzplan für den 1. Balkon. Auch hier erhalte ich keine Anweisung, wie es weitergeht. Schliesslich funktioniert es wie im Foto: Mit der Maus kann ich auf einen Sektor klicken, wo ich meine 3 Sitzplätze aussuchen kann.
www.kkl-luzern.ch: Sektorenwahl via Foto
Die Sitzplatzwahl visuell darzustellen ist sinnvoll und wird vom User gewünscht. Doch braucht es ein wenig Text, um den User durch den Prozess zu führen. Ein kleiner Satz à la «Fahren Sie mit der Maus über das Foto und wählen Sie den gewünschten Sektor per Mausklick.» ist hier absolut notwendig. Mit coolen interaktiven und visuellen Features alleine ist es nicht getan. Der User sollte immer «an der Hand genommen» und durch den Prozess geführt werden.
20 Minuten später kann ich mir das Ticket selber ausdrucken. Wobei es dann auch vor dem Konzert zu einer kurzen Episode kam: Die Ticketkontrolleure konnten nämlich das Ticket beinahe nicht entziffern, weil die Schrift zu klein ist – und das Licht vor dem Saaleingang im KKL zu düster.
Mein Fazit: Das KKL-Erlebnis ist noch nicht ganz «webtauglich»!
Und hier kommt noch ein Nachtrag zum Welt-Usability-Tag 2008-Thema «Transportation»:
Kürzlich renne ich also mit Kind und Wagen gegen das aufziehende Frühsommergewitter um die Wette und erreiche mit Ach und Krach das Perron - von dem ich weiss, dass mein Zug normalerweise fährt. Der Zürisee tobt, Pantha Rhei legt lieber nicht an und Horgen ist schon fast in den Regenwolken verschwunden. Schnell ein Ticket rauslassen, dann dem geeignesten Einsteigeort anpeilen - so der kurzfristige Plan. Denn die zu erwartenden engen Platzverhältnisse im Zug und die aufkommenden Windgeschwindigkeiten, die einem beim Sandstrahlen wähnen, lassen es nicht zu, irgendwo auf den Zug zu warten. - Aber dann unerwartet Hilfe von oben: Deus ex machina? Nein, nur neue, elektronische Anzeigetafeln, die in luftiger Höhe den nächsten abfahrenden Zug ankündigen und neben dem Zielort auch zusätzliche Informationen enthalten, die … nur - was sagen die genau?
Nochmals von oben: Den Zielort der Verbindung kann ich sofort lesen. Den Rest - also auch evtl. mein persönlicher Zielort, der darunter angeschrieben sein könnte - lässt sich aus Distanz nicht entziffern. Sektoren? Wo sind die niedlichen Wagen, was heissen diese neuen Symbole genau? - Ich getrau mich leider nicht hinter dem Wartehäuschen hervor - und versuche mühselig die extrem krakelige und kleine Schrift zu entziffern. Einige der nur hier gesehenen Symbole habe ich selbst nach einiger Gedankenarbeit nicht zuordnen resp. auflösen können. (Leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt keine Kamera griffbereit und muss nun warten, bis ich wieder einmal am gleichen Bahnhof diese Anzeige sehen werde.) Ich komme zum Schluss, die ¦ A ¦ B ¦ C ¦ - Reihe in aussergewöhnlich kleiner Grossschrift bezeichnet die Sektoren. Und das kleine Dreieck - wahrscheinlich die Zugfahrrichtung. Aber klar, die kleinen Quadrate mit den Zahlen sind logischerweise die Wagen mit der entsprechenden Klasse. 1/2 ist nicht eine halbe Klasse, sondern der Wagen hat sowohl 1. wie 2. Klasse. Obwohl: Ist die 1. Klasse invers dargestellt, weil sie etwas völlig Anderes darstellt? Der Lesbarkeit dient diese Umkehrung auf Anhieb jedenfalls nicht.
Ich frage mich deshalb: Haben diese elektronischen Anzeigetafeln tatsächlich die Richtlinien der SBB für Lesbarkeit bestanden?
Es wird nämlich eine Schrift verwendet, bei der alle Buchstaben, die Rundungen haben, übergewichtig erscheinen. Ein ‘a’ wird zu einem Leuchtfleck, ‘i’ und ‘l’ lassen sich besonders schlecht unterscheiden. Der (Oberflächen)-Aufbau der Anzeige zerreisst in der Vertikalen den zentralen Bereich mindestens 3 Mal und er führt bei genauer Betrachtung auch dazu, dass immer wieder Buchstaben ausgefranst erscheinen.
Wieso ist ein Provinzbahnhof gleich ausgerüstet, wie eine kleinere Stadt? Die Züge die hier anhalten, sind meist kurz und entsprechend wird die ganze Breite der Anzeigetafel nur zu einem kleinen Teil verwendet. Oder ist die Anzeige der Zugkomposition nur bei grösseren Zügen (wie bisher) wichtig?
Natürlich würde ich mir auch für RollstuhlfahrerInnen, Kinderwagen und Velos eine klare Angabe wünschen, die erlaubt, sich schon frühzeitig am richtigen Ort zu positionieren. (Kundenlenker werden dann überflüssig, oder?)
Mit diesen neuen Anzeigetafeln bleibt dies jedoch wahrscheinlich ein frommer Wunsch - der Platz wäre zwar vielleicht vorhanden, aber mit der Unschärfe der ungeeigneten Schrift ist die Lesbarkeit wohl nicht zu optimieren. Wird jetzt für viele Jahre ein neuer Standard gesetzt? Möglich ist es, sich auch an diese Anzeige zu gewöhnen, oder nicht? Möglich wäre allerdings vielleicht die Verdoppelung der Tafeln, damit die relevante oder gar alle Information auch in Realdistanz gelesen werden kann.
Oder heisst das etwa: Die lesbaren Anzeigen sind weg! Wo? - Bald an allen Bahnhöfen. Was erhalten wir dafür? - Vielleicht Operngucker am Schalter, der sich glücklicherweise gerade daneben befindet.
Ja dann: Grüezi mitenand!
Mit Mobile Tags («Barcodes») werden Internetadressen verschlüsselt, über die der Mobiltelefonbenutzer direkt auf die entsprechende Website weitergeleitet wird. So kann er sich mit seinem Mobiltelefon über seinen Standort und die Umgebung informieren.
In der Stadt Winterthur und Umgebung wurden solche Mobile Tags zahlreich an Gebäuden, Geschäften etc. angebracht (mehr dazu unter Standortförderung Winterthur). Zudem wurde auch der Vogellehrpfad in Eschenberg aufgerüstet: Der einst klassische Schilderpfad wurde mit Mobile Tags versehen. Und das habe ich mir angesehen.
Mitten im Wildpark Bruderhaus versteckt sich der über sechs Stationen führende Lehrpfad. Von weitem erkenne ich die unterhalb einer Schautafel angebrachten Mobile Tags von BeeTagg.
Ausser des Hinweises, wie man den BeeTagg-Reader installieren kann, fehlt es vollends an einer Anleitung zu Zweck und Anwendung. Ich bezweifle, dass der durchschnittliche Hobby-Ornithologe eine Ahnung hat, was er mit den seltsamen waben-artigen Mustern anfangen soll.

Wenigstens weiss ich, was zu tun ist, und ich scanne den ersten Code sogleich ein. Erstaunlich schnell lande ich auf der mobile-optimierten Website zum Vogellehrpfad: der Singvogel «Goldammer» wird vorgestellt. Auf den ersten Blick entsprechen sich die Informationen auf dem Handy-Bildschirm und der Schautafel: Infos über Aussehen, Lebensraum etc. des jeweiligen Vogels. Ein Link führt mich zu einer Übersicht aller auf dem Lehrpfad vorgestellten Vögel und ich finde eine Karte, auf der der Lehrpfad und mein Standort eingezeichnet sind. Ich bin etwas enttäuscht.
Plötzlich entdecke ich, dass ich mir die Vogelstimme als Audiodatei anhören und herunterladen kann. Eigentlich wäre dies der Hauptvorteil der Mobile Tags und sollte als erstes gezeigt werden. In unerwartet guter Qualität höre ich mir also den Gesang der Goldammer an und überlege mir, was ich damit anfangen soll. Ich lade mir den Buchfink auch noch aufs Handy herunter und gehe weiter zur nächsten Schautafel.
Unterwegs höre ich plötzlich ein Vogelgezwitscher, das mich stark an eins erinnert, das ich mir soeben aufs Handy herunterladen habe. Aha, ein Anwendungsfall! Ich könnte ja nun das in der Natur gehörte mit der Audiodatei auf dem Handy vergleichen und schon weiss ich, welcher Vogel da zwitschert. Also suche ich auf meinem Handy nach diesen Audiodateien und stelle fest: Sie heissen «5580» und «5550». Und welches ist nun der Buchfink, welches die Goldammer?
Schade. Meiner Meinung nach wird der einzige Mehrwert der Mobile Tags auf diesem Lehrpfad damit untergraben. Wahrscheinlich, weil sich die Initianten nie überlegt haben, was man wirklich mit den Downloads anfangen könnte. Dabei wär das korrekte Beschriften von Dateien eine kleine Sache. Und Usability-Tests auch.
Das Motto der diesjährigen europäischen Konferenz über Informationsarchitektur, der 5. Euro IA, lautet «Beyond Structure». Es ist ein Thema, das uns sehr beschäftigt. Denn die hierarchischen Strukturen des Web werden immer mehr aufgeweicht. Seiten aggregieren Informationen aus verschiedenen Quellen, User tragen eigene Inhalte bei, das Semantic Web schafft neue Beziehungen zwischen Informationen. Erschliessungs- und Darstellungsformen sind im Fluss, etwa die auch von Jacob Nielsen gerühmten «Mega Drop-Downs» oder die strukturierte Ergebnisanzeige von Google wie in diesem Screenshot:
Dass die Kunst der user-zentrierten Informationsarchitektur dadurch nicht überholt ist, zeigen aber auch Beispiele, die sich an den neuen Möglichkeiten orientieren, ohne sie nutzbringend einzusetzen. Wer sich über die Jugend-Kategorie der Best of Swiss Web Awards, den Junior Web Award, informieren will, bekommt unter dem Link «Projekte > Alle anzeigen» genau so wenig zu sehen wie auf der Startseite: Eine Karte einer fiktiven Insel mit vielen roten Punkten.
Die Analogie hinkt in zweifacher Hinsicht: Erstens werden Kartenapplikationen dann besucht, wenn das Hauptinteresse die Karte ist. Informationen wie Haltestellen und Fahrpläne des öffentlichen Verkehrs sind zwar sehr nützlich, aber letzen Endes nur Zusatzinformationen. Wer die ganze Funktionalität des Fahrplans nutzen will, geht direkt auf den Online-Fahrplan. Zweitens tut die Karte so, als sei sie ein Mashup, ist es aber nicht. Die ganze Sache ist also ziemlich gesucht - und schadet der Auffindbarkeit der Projekte, dem Verständnis der User und letztlich der User Experience.